Schiffsunglück

„Wir werden verbrennen wie die Mäuse“

Adria-Fähre „Norman Atlantic“ gerät vor Korfu in Brand. 500 Gäste müssen stundenlang auf Rettung warten – darunter auch 18 Deutsche

Feuer unter Deck, dicke Rauchschwaden und meterhohe Wellen. Die Fähre „Norman Atlantic“ hat sich am Sonntag auf ihrer Fahrt vom griechischen Patras ins italienische Ancona durch die Adria für ihre etwa 500 Passagiere, darunter 18 Deutsche sowie 55 Crewmitglieder, in ein schwimmendes Inferno verwandelt. Die Küstenwachen von Italien und Griechenland eilten dem in der Nähe der Insel Korfu treibenden Boot zu Hilfe.

Doch aufgrund des schweren Seegangs und der starken Winde gestaltete sich der Einsatz schwierig. In den Nachmittagsstunden begann die Rettung mithilfe von griechischen und italienischen Helikoptern. Die italienische Marine sprach am Abend von mehr als 190 Personen, die in Sicherheit gebracht worden seien. Nach Angaben der italienischen Küstenwache kam ein Mann beim Sprung von der Fähre ums Leben. Gegen 19.30 Uhr war nach Auskunft der Chartergesellschaft Anek das Feuer unter Kontrolle.

Erste Augenzeugenberichte gaben früher am Tag einen Eindruck von der Feuerhölle. „Unsere Schuhsohlen begannen zu schmelzen“, sagte ein Geretteter dem griechischen TV-Sender „Mega“. Eine andere Frau, dessen Cousin auf dem Boot ist, berichtete dem Sender „Skai TV“ von einem Telefonat. „Wir sind fertig“, habe der Cousin gesagt. „Wir werden sterben. Es gibt niemanden, der uns retten kann. Wir sitzen in der Ecke und werden verbrennen wie die Mäuse. Bete mit uns.“

Unter den rund 500 Passagieren seien viele LKW-Fahrer, aber auch Frauen und Kinder, hieß es laut Medienberichten. Die Fähre habe bis zu 222 Autos transportiert. In den Morgenstunden, die Rede war zuerst von 6 Uhr, dann von 4.30 Uhr, soll aus bislang unbekanntem Grund unter Deck in der Garage ein Feuer ausgebrochen sein. Vor der Insel Othoni habe der Kapitän dann den Notruf abgegeben.

Athen und Rom stimmten sich bei dem Rettungseinsatz ab. Mehrere Handelsschiffe eilten der „Norman Atlantic“ zu Hilfe, darunter der Frachter „Spirit of Pireus“. Sie kreisten die Fähre ein, um sie vor den Windböen und den Sturmwellen abzuschirmen. Die italienische Marine stellte das Schiff „San Giorgio“ sowie mehrere Schlepper und Helikopter für den Einsatz ab.

Papst betet für Passagiere

Griechenlands Ministerpräsident Andonis Samaras telefonierte mit seinem italienischen Amtskollegen Matteo Renzi, auch die Außenminister beider Länder standen in Verbindung. „Wir verfolgen das Drama um die Fähre zwischen Griechenland und Italien“, schrieb Premier Renzi auf Twitter. „Wir stehen in Kontakt mit Samaras. Unsere Marine leistet maximalen Einsatz.“ Auch Papst Franziskus meldete sich zu Wort. Er bete für die Passagiere auf der brennenden Fähre.

Trotz der engen Koordination zwischen Griechenland und Italien gestaltete sich die Rettung höchst problematisch. „Es ist eine der schwierigsten Rettungsaktionen, die wir bisher erlebt haben“, sagte der griechische Minister für Handelsschifffahrt, Miltiadis Varvitsiotis. Hauptverantwortlich dafür war das Wetter. Der italienischen Marine zufolge tobte ein Wind mit einer Geschwindigkeit von 35 bis 40 Knoten. Das entspricht einer Windstärke von acht. Immerhin hielt der starke Regen das Feuer unter Kontrolle. „Das große Unglück ist, dass das Wetter überhaupt nicht hilft“, sagte Pantelis Trikilis von der Reederei Kyklades Maritime, deren Schiff zu Hilfe geeilt ist, dem Sender „Skai“. Bei Windstärke sieben bis acht könnten weder andere Schiffe noch deren Rettungsboote einfach an den Havaristen heranfahren und Menschen aufnehmen. Ein Albtraum für die Menschen, die noch an Bord des Schiffes sind, das manövrierunfähig ist.

War das Schiff seetauglich?

Noch während des Einsatzes klagten griechische Angehörige der Passagiere darüber, von den offiziellen Stellen nicht ausreichend informiert zu werden. Fragen zur Tauglichkeit der Fähre häufen sich. Das 2009 im italienischen Porto Viro in der Provinz Rovigo gebaute, 186 Meter lange und 26.900 Tonnen schwere Schiff hat eine wechselvolle Geschichte. Nach Recherchen italienischer Medien soll es binnen fünf Jahren bereits dreimal den Namen gewechselt haben.

Zudem habe eine Inspektion der Hafenbehörde von Patras am 19. Dezember unzureichende Rettungsmittel, undichte Sicherheitstüren, den Zustand der Notbeleuchtung und das Fehlen von Evakuierungsplänen an den Wänden des Schiffes bemängelt. Der Reederei sei eine zweimonatige Frist zur Behebung dieser Mängel eingeräumt worden, berichtete der griechische TV-Sender „Nerit“. Ob das Schiff dennoch als seetüchtig gelten konnte, blieb unklar.

Aktueller Betreiber der „Norman Atlantic“ ist die griechische Gesellschaft Anek Lines. Schwere Vorwürfe erhob der Spediteur Panagiotis Panagiotopoulos gegenüber Anek Lines. Zwei seiner Fahrer befänden sich auf der Fähre. Er habe sich noch am Vorabend des Unglücks mit der Reederei gestritten und ihr vorgeworfen, dass das Schiff nicht für den Transport geeignet sei. Ohne Erfolg.