Naturkatastrophe

„Unsere Chance zum Neuanfang“

Eine riesige Welle hat am 26. Dezember 2004 Städte ausradiert. Ein Besuch in Indonesien zehn Jahre nach dem Tsunami

Banda Aceh pulsiert. Die Stadt auf der Insel Sumatra, die 2004 weltweit am härtesten vom Tsunami getroffen wurde, in Schutt und Asche daniederlag, wie ausradiert von der riesigen Welle; ein Ort der seine Leichen mit Lastern in Gruben entsorgen musste, weil Seuchen drohten, zeigt ein Jahrzehnt später kaum Wunden. Über die Massengräber wächst sauber geschnitten das Gras. Im Zentrum strahlen Moscheen, steht das modernste Krankenhaus Indonesiens – gebaut mit Mitteln der deutschen KfW-Bank.

Millionen Euro hat die internationale Wiederaufbauhilfe in den bis dahin unbekannten Ort inmitten einer Bürgerkriegsregion gespült. Die Spendenbereitschaft angesichts der globalen Katastrophe war dennoch so groß, dass einige Organisationen Gelder zurücküberwiesen, weil sie gar nicht wussten, wie man die Mittel auf absehbare Zeit einsetzen sollte. Die Nothilfe funktionierte vorbildlich. Doch dann kam die Bürokratie. Niemand wusste, wie vor allem die Fischerviertel vorher aussahen, wem gehörten jetzt die Grundstücke? Pläne existierten kaum. Und wie sollte man nun plötzlich Tsunami- und erdbebensichere Gebäude bauen? Lehmbauten? Häuser auf Pfählen? Wie steht die Regierung dazu? Wer hat die Planungshoheit?

Flucht mit dem Motorroller

Ein Jahr nach dem Tsunami präsentierten Hilfsorganisationen in Banda Aceh ihre Entwürfe. Häuser inklusive Möbel, äußerlich im Stil von Ikea. Bei einigen leckten die Dächer schon Wochen nach ihrer Errichtung. Noch 2006 errichtete die – damalige – Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) aus Eschborn in Banda Aceh hölzerne Barackenbauten, um die letzten Familien aus den Zeltlagern unterzubringen – vorläufig. Es drohte ein Chaos gut gemeinter Aktionen. Nicht zu nah an der Küste sollten die neuen Häuser entstehen, soviel war klar. Auch wenn viele Bewohner das eigentlich anders wollten, waren die meisten von ihnen doch Fischer. So wie Risky Ansyah, der in einem von Misereor finanzierten Haus lebt, nur einen Steinwurf vom Meer entfernt. Der inzwischen 26-Jährige fährt einen Motorroller, mit dem er auch damals vor der Welle floh. Nicht ahnend, dass seine Eltern darin umkommen würden.

Jahrelang lebte auch er in einer Baracke, bevor er 2008 mit seiner Frau Aminah glücklich in das neue Haus einziehen konnte. „Es ist kleiner, aber stabiler als das frühere Haus meiner Eltern“, so Risky Ansyah: „Zusammen mit meiner Schwiegermutter betreiben wir davor einen kleinen Laden.“ Er hat sein Trauma überwunden und fährt wieder als Fischer aufs Meer. Die Menschen in Banda Aceh waren stets zuversichtlich. Selbst zwei Wochen nach dem Seebeben, als am Straßenrand noch Leichensäcke lagen, viele noch nach Angehörigen suchten, spürte man kaum Verzweiflung. Viele deuteten die Katastrophe religiös.

Die Regeln des Korans werden längst strenger umgesetzt als vor dem Tsunami. Am Strand von Syiah Kuala schreitet die Scharia-Polizei heute ein, wenn unverheiratete Pärchen zu nahe beieinander sitzen. Ein von manchen befürchteter „verderblicher Einfluss“ durch die westlichen Helfer blieb aus. Frauen in engen Jeans sind tabu, Alkohol gibt es nur auf dem Schwarzmarkt. Repressionen aber sehen die wenigsten dahinter. Selbst die aufgeschlossene Englischstudentin Anna Nuriskia findet: „So will es unsere Tradition.“

Vor allem aber hat Banda Aceh den langen Bürgerkrieg überwunden. Die Region im Norden Sumatras bekam aus der Hauptstadt Jakarta weitgehende Autonomie zugesprochen, dafür legten die Rebellen der Separatistenorganisation GAM ihre Waffen nieder. Selten kommt es noch zu Auseinandersetzungen, und die Mehrheit der Bewohner deutet den Tsunami als religiösen Fingerzeig, begründet ihr aktuelles Glück in der Bereitschaft zur Versöhnung. Das Seebeben als Friedensbringer.

Zehn Jahre nach dem drittstärksten jemals gemessenen Beben, bei dem insgesamt 230.000 Menschen umkamen, spürt man in den betroffenen Gebieten vor allem Zuversicht. Der Alltag hat sich längst normalisiert. Wer heute die Regionen bereist, erkennt – abseits beliebter Touristengebiete wie in Thailand, wo ungehemmt neue Hotels in tsunamigefährdeten Zonen gebaut werden –, einen Aufschwung auch in traditionell schwachen Regionen. So sieht es auch Risky Ansyah in Banda Aceh: „Der Tsunami war unsere Chance zum Neuanfang.“