Porträt

Schön und gut

Robin Wolfinger ist der neue Mister Germany. Groß, blond, muskulös – und sozial engagiert

Das Problem bei einem Titel wie Mister Germany sind die Vorurteile, die er mit sich bringt. Mister Germany steht für blonde Männer mit Waschbrettbauch. Typ Fitnesstrainer, der aber auch im Anzug gut aussieht. Der Typ, der aus dem Wodka-Tower in der Großraumdisco trinkt. Irgendwie schlüpfrig und wenig smart.

Zu den Tatsachen: Robin Wolfinger kommt aus der Nähe von Iserlohn in Nordrhein-Westfalen. Er ist 21 Jahre alt und seit wenigen Tagen der neue Mister Germany. Rein körperlich passt er ins Bild. Robin ist muskulös. Blaue Augen. Blond. Groß. Ein junger Mann, von dem man sofort weiß, der investiert in seinen Körper. Seine Maße sagt er, sind „113-80-105 oder so“. Er hat gepflegte Hände. An den Händen erkennt man erst, ob jemand ein Proll ist oder ein kultivierter Mensch. Einen Händedruck, der nicht zu hart kommt. Ein warmer Händedruck eines Mannes, der sich vorstellt, aber nicht in den Vordergrund drängt. Der Interesse und Zurückhaltung ausstrahlt. Alles richtig gemacht. Und als Gegenüber muss man sich jetzt fragen, wie unrecht man einem Mister Germany tun kann.

Wir treffen uns in Iserlohn am Bahnhof. Iserlohn ist eine Stadt knapp unterhalb der Einwohnerzahl einer Großstadt. Hier gibt es noch Punks am Bahnhof, die Tourismusinformation wird am Bahnhof von drei bezaubernden Damen geschmissen, und ansonsten gibt es nicht viele Möglichkeiten für Müßiggang. Ist man jung, trifft man sich zum Essen oder Was-trinken im „Café del Sol“ oder im „Fuchs und Hase“. Die alten Leute treffen sich im „Café Spetsmann“, das mit dem Slogan „Seit 1939 ein Begriff für Kenner“ wirbt. Wir gehen ins „Fuchs und Hase“. „Da geh ich auch mit Freunden gern hin“, sagt Robin. Er bestellt Cola Zero.

Interessant ist Robin als Mister Germany vor allen Dingen, weil er Erzieher in einem Wohnheim für traumatisierte Kinder ist. Traumatisiert heißt: Kinder, die von ihren Eltern missbraucht wurden. Papa ist Darsteller. Mama filmt. Und Papa verkauft die Videos dann im Internet. Was die meisten Menschen sich gar nicht trauen vorzustellen, muss Robin wieder hinkriegen.

Viel Verantwortung mit 21 Jahren

Sieben Kinder zwischen zehn und 16 Jahren leben in der Einrichtung, in der er arbeitet. Seine Schicht geht immer 24,5 Stunden. Von zwölf Uhr mittags bis 12.30 Uhr am nächsten Tag. David isst mit ihnen Mittag. Er hilft ihnen bei den Hausaufgaben, kümmert sich um Arztbesuche und Freizeitbeschäftigung. „Ich übernehme alle Aufgaben, die deine Eltern bei dir zu Hause erledigt haben und die Eltern meiner Klienten eigentlich erledigen sollten.“ Drei bis vier Schichten hat er die Woche.

„Ich habe den beruflichen Auftrag zu glauben, sie konnten es nicht besser“, beschreibt Robin das Verhältnis zu den kaputten Eltern der kaputten Kinder, um die er sich voll und ganz kümmert. „Trotzdem muss man wertschätzend mit ihnen umgehen. Du darfst sie nicht verurteilen, das getan zu haben.“

Mit 16 beginnt er, auf eine Schule zu gehen, in der man Erzieherausbildung und Abitur gleichzeitig machen kann. Mit 19 hat er Abitur und eine abgeschlossene Ausbildung. Jetzt ist er 21 und hilft, für die Verantwortung zu übernehmen, die nur wenige Jahre jünger sind als er. Mit 21 kennt man eigentlich keine Verantwortung. Mit 21 geht man feiern, man tobt sich aus. Mit 21 übernimmt Robin schon mehr Verantwortung, als es die leiblichen Eltern seiner Schutzbefohlenen je getan haben. Er gibt ihnen Regeln, Liebe und zeigt ihnen, dass es gar nicht so schlimm ist, miteinander zu reden oder morgens aufzustehen, um arbeiten zu gehen.

Er wurde schon mit einem Messer bedroht. „Du darfst es nicht persönlich nehmen. Du musst am nächsten Tag genauso wiederkommen und mit ihnen arbeiten. Diese Kinder wollen dich provozieren, um zu sehen, dass du stärker bist als sie. Sie wollen eine Person haben, bei der sie sich sicher fühlen.“ Robin muss Kindern, deren Eltern niemals Vorbilder für sie waren, ein neues Vorbild sein. „Ich muss erreichen, dass sie mich respektieren. Es ist immer ein Versuch, eine Verbindung zu ihnen aufzubauen. Bei mir war es der Sport.“ Sport treibt Robin schon immer. Kampfsport. Rennrad. Fußball. Tennis.

Als Betreuer ein Vorbild

Den Respekt bekommt er aber auch aus anderen Gründen. „Die sehen mich und sagen, der fährt ein tolles Auto, Motorrad, hat eine tolle Wohnung, Ausbildung und Abitur, das wirkt natürlich besser als ein Erzieher, der 50 ist und Pullunder trägt.“ Das alles finanziert er nicht nur über sein Erziehergehalt, sondern auch mit Modeln. Aber er ist bodenständig. An seinem Beruf stört ihn nicht nur das Finanzielle. Es ist auch das Image. „Die Vorurteile sind: Kiffer oder pädophil. Alle schreien nach männlichen Erziehern, aber keiner will sie dann.“ Man hat viel gelesen von den Problemen männlicher Erzieher. Von motivierten jungen Männern, die nicht wickeln dürfen, weil die Eltern Angst haben, der freundliche Erzieher sei nicht freundlich, sondern geil.

Dennoch ist Robin mit seiner Arbeitssituation zufrieden, will aber noch mal studieren. BWL oder etwas Soziales. Aber jetzt ist er erst mal Mister Germany. Was das genau ist, weiß Robin selbst noch nicht. „Bis auf den Stress mit den Medien und eine Schärpe, auf der Mister Germany steht, habe ich noch nichts davon gemerkt“, sagt er. Ein Vorbild ist er jetzt schon.