Gedenken

Der Zweite Weltkrieg als Comic

Berlins Ex-Bausenator Klaus Franke (CDU) ist Zeitzeuge für ein ungewöhnliches Buch-Projekt

Der 11.April 1944 ist ein kühler, aber trockener Tag. Stolz ist Klaus Franke, als er seine Mutter ins schicke Hotel „Adlon“ ausführt, sie wollen feiern. Seinen 21. Geburtstag, seine Beförderung zum „Leutnant zur See“, ihr kurzes Wiedersehen. „Das Adlon“, sagt Franke heute, „das war ja was. Damals schon.“ Dann muss er schmunzeln. „Die haben uns dann sogar ’ne Flasche Sekt spendiert.“

Mehr als 70 Jahre ist das jetzt her. Klaus Franke, früherer Berliner Bausenator, CDU-Politiker im Abgeordnetenhaus und ehemaliger U-Boot-Fahrer bei der Kriegsmarine, kann sich dennoch gut an diesen 11. April 1944 erinnern. Der Tag war einer der wenigen, an denen Franke damals zu Hause war.

Diese kleine Episode gehört zu der Geschichte, die Klaus Franke gerade als Zeitzeuge zu einem ungewöhnlichen Projekt beisteuert. Es heißt „Großväterland“ und will die Zeit zwischen 1939 und 1945 auf eine Art wiedergeben, die es bislang wohl noch nicht gegeben hat: als sogenannte Graphic Novel, also als Comic für ein erwachsenes Publikum.

„Die Menschen, die den Zweiten Weltkrieg erlebt haben, werden immer älter. Unsere Kinder werden schon nicht mehr die Gelegenheit haben, sie nach ihren Erlebnissen zu fragen“, sagt Christian Hardinghaus. Er ist promovierter Historiker und gehört mit dem Illustrator Markus Freise und dem Berater Alex Kahl zum Team hinter „Großväterland“. Das Ziel des Projektes: persönliche Schicksale der Kriegsgeneration erzählen und für die Nachwelt bewahren. Und durch Zeichnungen auch jene für Geschichte zu interessieren, die sich von Sachtexten vielleicht eher abgeschreckt fühlen.

Anders als herkömmliche Comics

„Viele Zeitzeugen haben das Grauen, das sie erlebt haben, ihr Leben lang verdrängt. Wir haben gemerkt, dass sie jetzt sprechen können und auch wollen“, sagt Hardinghaus. „Diese Chance müssen wir nutzen.“ Dass als Medium hierfür vor allem Zeichnungen dienen, hat Franke zunächst zögern lassen, als ihn die Anfrage von Hardinghaus erreichte. „Ich habe zuerst gestutzt. Aber wenn man dadurch vielleicht auch Jüngeren Geschichte näher bringen kann, ist das eine gute Sache“, sagt Franke, der manchmal auch an Schulen spricht.

Dass „Großväterland“ dabei nur wenig mit Comics im Stil von „Micky Maus“ oder „Yps“ zu tun hat, sieht man auf den ersten Blick. In den Gesichtern der Protagonisten spiegeln sich mitunter Sorgen, Angst und Trauma, auch Bombenexplosionen, Waffen und Gewalt sind zu sehen. Eine Gratwanderung. „Wir wollen den Krieg nicht beschönigen“, sagt Hardinghaus. Deshalb schreibt er zu jeder Geschichte auch historische Erläuterungen, die die Ereignisse im Comic in ihren jeweiligen Kontext einordnen. Im Fokus stehen aber die persönlichen Erlebnisse der Protagonisten. Und ihre Gefühle.

Die Geschichte vom in Lichterfelde aufgewachsenen Klaus Franke fängt 1941 an, nach seinem Abitur. Gerade 18 Jahre alt, meldet er sich freiwillig als Soldat, will zur Marine, seit vielen Jahren schon. Ohne eine Ahnung davon zu haben, was Krieg bedeutet. „Man wollte damals möglichst schnell an die Front und ein großer Held werden“, sagt Franke heute. Nach der Rekrutenausbildung folgt schnell sein erster Fronteinsatz auf einem Schlachtschiff, danach wechselt er ins U-Boot. Bei einer seiner ersten Nachtfahrten vernichten sie einen englischen Tanker. „Das Öl auf der Meeresoberfläche brannte. Dazwischen starben die Menschen.“ Sein Vorgesetzter will, dass Franke ganz genau hinschaut. „Sieh’ dir das an Fähnrich“, sagt er zu Franke, „dann siehst du, was Krieg ist.“ Franke macht eine Pause, als er davon erzählt. „Das ging mir damals verdammt an die Nieren.“

Für „Großväterland“ hören sich Christian Hardinghaus und Alex Kahl viele solcher Geschichten an. Sie schreiben sie auf, ordnen sie – und geben sie an Zeichner Freise weiter. „Ich überlege mir dann ganz genau, wie der Mensch früher ausgesehen haben mag. Welche Kleidung er getragen hat, wie er sich gefühlt hat“, sagt Freise. Zunächst fertigt er eine Bleistiftzeichnung an, später wird alles am Computer perfektioniert. Seit Herbst dieses Jahres arbeiten Freise, Hardinghaus und Kahl, die in Bielefeld und Osnabrück leben, an der Umsetzung.

Ob das Buch wirklich in den Druck geht, steht aber noch nicht fest: Um ihr Projekt finanzieren zu können, sammeln sie im Internet auf der Crowdfunding-Plattform „Indiegogo“ noch bis zum 28. Dezember Geld. Hier kann man „Großväterland“ in verschiedenen Sprachen etwa als Heft, als Buch oder auch einzelne Zeichnungen kaufen – und so das Projekt möglich machen. Dass es sich beim Zweiten Weltkrieg zwar um ein wichtiges, aber auch sensibles Thema handelt, ist den Initiatoren bewusst. „Großväterland“ sei ausdrücklich ein Anti-Kriegsbuch – und ein Anti-Nazi-Buch, wie Historiker Hardinghaus sagt. „Dadurch, dass wir den Schrecken des Krieges zeigen, warnen wir gleichzeitig vor ihm. Ein Teil unserer Erlöse fließt in Organisationen, die sich gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit einsetzen.“

Franke hat ein gutes Gedächtnis

Klaus Franke lebt heute im brandenburgischen Kleinmachnow vor den Toren Berlins. Sein Wohnzimmerregal ist vollgestopft mit Büchern, er liest jeden Tag Zeitung, sein Gedächtnis ist bemerkenswert gut. Nur eine Sache, die fällt ihm dann partout doch nicht mehr ein – was es damals, vor 71 Jahren, im Hotel „Adlon“ zu essen gab. „Nein, das weiß ich nicht mehr“, sagt er. „Was ich aber noch weiß, ist, dass dies das letzte gemeinsame Essen während des Krieges mit meiner Mutter war.“