Kirche

Vorsicht, fliegendes Spaghettimonster

Ein Brandenburger führt Kirchen und Behörde in Templin mit einem Schildbürgerstreich vor. Einladung zur Nudelmesse erzürnt Pastoren

Templin ist ein pittoresker Fleck in der Uckermark, 16.000 Einwohner, eine Stadtmauer, die bisher allen Stürmen der Zeit getrotzt hat. Hier steht die Kirche noch im Dorf. Es ist ein barockes Kleinod mit einem 70 Meter hohen Turm. Man kann ihn schon von Weitem sehen. Majestätisch bohrt sich seine Spitze in den Himmel. So war das schon 1970, als in dieser Kirche eine gewisse Angela Merkel konfirmiert wurde. So war das auch am Reformationstag, als die amtierende Bundeskanzlerin persönlich in der Kirche vorbeischaute und vor 800 Gästen über dieses und jenes redete, über „Christsein“ und die „Politik“.

Doch merkwürdige Dinge geschehen in dem Ort. Ein Spaghettimonster geht um, meldete der Rundfunk Berlin-Brandenburg Ende November. Dieses Monster hat es auf die Kirchen abgesehen. Am Ortseingang taucht das Spaghettimonster plötzlich auf einem Schild auf, das quasi über Nacht von der halben Republik beäugt wird. Es hängt nämlich an demselben Mast wie das Schild, mit dem die großen Volkskirchen ihre Schäfchen auf ihre Gottesdienste hinweisen, das ist der Skandal. Das Monster ist ein Wesen mit zwei Stielaugen, sechs Tentakeln und den Buchstaben FSM auf dem Körper. Es sieht aus wie ein überfahrener Krebs. FSM, das steht für Fliegendes Spaghettimonster. Es wirbt für eine Nudelmesse, jeden Freitag um zehn Uhr.

Verärgert reagierten die Pastoren der Volkskirchen. „Das Schild muss weg“, da lässt Ralf-Günther Schein nicht mit sich reden. Schein ist Pastor der evangelischen Kirche, ein Freund der leisen Töne, ein Mann mit Sinn für Humor. Doch bei den Schildern hört der Spaß für ihn auf. Er sagt, der Mast gehöre den Kirchen, Weida könne woanders für seinen „Spaghettiverein“ werben. Sein katholischer Kollege geht sicherheitshalber gar nicht erst ans Telefon „Wenn Sie schon wieder wegen diesem komischen Schild anrufen, der Pfarrer sagt dazu nichts“, ruft seine Sekretärin, bevor sie den Hörer auf die Gabel knallt.

Mit Genehmigung vom Amt

So etwas hört Rüdiger Weida gern. Er hat sich diesen Witz erlaubt. Er hat die Schilder an allen vier Ortseingängen angebracht – mit schriftlicher Genehmigung der örtlichen Straßenmeisterei, das verleiht dieser Posse eine besondere Würze. Weida ist ein runder Mittsechziger, eisgrauer Rauschebart, sonorer Bass, wache Augen hinter widerborstigen Augenbrauen. Er sieht aus wie die Reinkarnation des Weihnachtsmannes, und so etwas ähnliches ist er ja auch, als Vorsitzender der deutschen Sektion der Kirche des fliegenden Spaghettimonsters. Diese Kirche gibt es wirklich. Sie wurde 2006 in den USA gegründet. Hierzulande sind es erst 150 zahlende Mitglieder, aber die Bewegung wächst, dank Rüdiger Weida.

Am Anfang war das „Arrrrgh!“. Dem Physiker Bobby Henderson rutschte es 2005 heraus, als er erfuhr, dass die Schulbehörde im US-Bundesstaat Kansas neben Darwins Evolutionslehre im Biologie-Unterricht auch die göttliche Schöpfungsgeschichte eingeführt hatte. Henderson trat eine Protestlawine los – und die breitete sich in rasender Geschwindigkeit über Blogs und Internetforen auch im Rest der Welt aus. Die Pastafaris, wie sich die Anhänger dieser Anti-Religion nennen, begegnen der Humorlosigkeit der christlichen Eiferer mit blasphemischer Satire. Aus Gott machten sie ein Spaghettimonster und aus dem Gottesdienst eine Nudelmesse. Rüdiger Weida zelebriert sie jeden Freitag in einem zur Kapelle umfunktionierten Stall auf seinem Privatgrundstück. „Früher waren da Schweine drin“, sagt er und grinst. Videos auf seinem eigenen YouTube-Kanal zeigen, wie er im roten Gewand das Leben im Himmel preist, mit sprudelndem Biervulkan und Stripperinnen-Fabrik. Bruder Spaghettus, so nennt er sich selber.

Er sagt, seine Kirche fordere die Förderung der wissenschaftlichen Weltanschauung. Sie solle gleichgestellt werden mit den anderen Kirchen – nicht mehr und nicht weniger. Deshalb der Kampf um das Schild. Die Weichen dafür hat er mit einem juristischen Trick gestellt. Er hat seine Kirche als Körperschaft öffentlichen Rechts angemeldet. Der Mann will sich dazu nicht äußern, warum die Schilder vergangene Woche plötzlich wieder weg waren. Inzwischen hängen wieder neue Schilder an den Masten. Rüdiger Weida hat sie selber angeschraubt. Er sagt, Sympathisanten seiner Kirche hätten das Geld gespendet. „Wir haben jetzt über Facebook 30 neue Mitglieder bekommen.“

Die neuen Schilder sind mittlerweile zum Teil beschmiert. Templins Bürgermeister Detlef Tabbert (Die Linke) sagt, er sei nie Mitglied in einer Kirche gewesen, er könne den Zorn der Pastoren aber verstehen. Um die Wogen zu glätten, will er Weida an diesem Dienstag einen Kompromiss vorschlagen. Die Schilder dürfen zwar hängen bleiben, allerdings nur an eigenen Masten.