Justiz

„Er hat um sein Leben gefleht“

Prozessauftakt um den in den USA erschossenen Hamburger Austauschschüler Diren

Als die Staatsanwältin die Schrotflinte durchlädt, wird der metallische Klang nur durch das Schluchzen von Direns Mutter übertönt. Für die Eltern des im US-Bundesstaat Montana erschossenen Hamburger Austauschschülers war der Beginn der Hauptverhandlung in Missoula gegen den Mann, der ihren Sohn tötete, vielleicht der schwerste Gang ihres Lebens. Minutiös wurde die Tatnacht, wurden Direns letzte Sekunden, mit Bildern, Grafiken und Zitaten nachempfunden. Und dennoch bleibt die Frage: War Direns Tod ein Mord?

Der 17-Jährige war im April kurz nach Mitternacht in eine offene, aber fremde Garage eingedrungen. Der Besitzer, der 30 Jahre alte Markus K. erschoss den jungen Deutschen, aus Notwehr, wie er sagt. Zweimal war bei ihm schon eingebrochen worden. Was Diren in der Garage wollte – bis heute ungeklärt. Was das Motiv des Schützen war – Gegenstand des jetzigen Prozesses. „No, no, no, no, please! Mit diesen Worten bettelte er um sein Leben. Aber es wurde ausgelöscht“, sagte Jennifer Clark über Direns letzte Sekunden. Die Staatsanwältin zeigte den Geschworenen Bilder aus der Garage und Direns rotes Blut auf dem weißen Auto des Angeklagten. „Hier hat er Schutz gesucht. Vergebens.“ Als sie die Schrotflinte vorführt, bricht Direns Mutter in Schluchzen aus und sucht Trost, vielleicht Schutz in den Armen ihres Mannes. Das Ehepaar war zur Verhandlung im Bundesstaat Montana angereist und will bis zu einem Urteilsspruch am 20. Dezember in den USA bleiben.

„Notwehr ist absurd“, sagt die junge Staatsanwältin mit scharfer Stimme. „Sie haben über das versteckte Babyfon Diren 23 Sekunden lang beobachtet. Sie haben sogar Fotos gemacht. Sie hatten keine Angst, sie waren nicht in Panik.“ Dann habe die Lebensgefährtin des Angeklagten gesagt: „Showtime!“ Diren wusste zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal, dass er beobachtet wurde. Ein paar Sekunden später war er tot.

Der Strafverteidiger Paul Ryan stellte alles ganz anders dar. „Diese junge Familie hatte Angst“, beteuerte der Verteidiger. „Sie wurden zweimal Opfer von Einbrüchen, zweimal wurde ihr Privatestes von Fremden verletzt. Woher sollten sie wissen, dass der nächste Einbrecher nicht bewaffnet war?“ „Mein Mandant hat nichts gesehen, die Garage war einfach schwarz. Als er eine plötzliche Bewegung bemerkte und einen metallischen Klang hörte, hatte er Angst um sein Leben. Und er schoss.“

Der Vorwurf, eine Falle gestellt zu haben, sei absurd gewesen. „Sie waren beide Raucher und sie haben wegen des Babys in der Garage geraucht. Nur deshalb stand sie ein Stück offen.“ Ryan räumte auch ein, dass sein Mandant Marihuana geraucht habe. „Aber das ist nicht Gegenstand dieses Verfahrens.“ Ryan schilderte die Ehefrau als treibende Kraft, sie habe die Garage mit Bewegungsmeldern versehen wollen und war die Misstrauische. Die Frau ist aber nicht angeklagt.

„Wir haben ein Justizsystem“, sagte Clark zu den Geschworenen. „Und es funktioniert. Zeigen Sie dem Angeklagten, dass niemand die Justiz selbst in die Hand nehmen darf.“ Tatsächlich hatte Diren mit den beiden Einbrüchen nichts zu tun. Die Täter wurden später gefasst und verurteilt. In Montana dürfen Hausbesitzer tödliche Gewalt anwenden, sofern sie um Leib und Leben fürchten.