Trauerfeier

„Du wirst in unseren Herzen bleiben“

Bewegender Abschied von der in Offenbach erschlagenen Tugçe A. mit rund 1500 Trauergästen. Letzte Ruhestätte im Geburtsort Bad Soden

Es ist bitterkalt an diesem Tag, an dem Tugçe A. beerdigt wird. Wer weiß, vielleicht wäre ja alles nicht so weit gekommen, wenn der Winter zwei Wochen früher in Hessen eingezogen wäre. Dann hätte Sanel M. in der Nacht zum 15. November womöglich nicht eine gute Stunde lang vor dem Offenbacher McDonald’s ausgeharrt, um die Studentin abzufangen und sich zu rächen. Überwachungskameras zeigen, wie lau die Nacht gewesen sein muss, wie dünn die Jacken waren, die alle trugen. Doch für alles „wenn“ und „hätte“ ist es zu spät an diesem Mittwoch. Das Grab von Tugçe ist ausgehoben, schon seit dem Vortag.

Ihren fast zweiwöchigen Kampf um ihr Leben hat die Studentin verloren. Nun soll sie in Bad Soden-Salmünster bestattet werden, so hat es sich die Familie gewünscht. Ihr Grab ist so ausgerichtet, dass Tugçes Gesicht Richtung Mekka blickt, wenn sie in dem Ort, in dem sie vor 23 Jahren geboren wurde, ihre letzte Ruhestätte gefunden hat.

Flaggen neben dem Sarg

In der Kapelle des Friedhofs, einem Gebäude mit spitzen Schieferdach und viel warmem Holz im Inneren, richtet der Wiesbadener Caterer Inanc Atesoglu schon das Trauermahl. 2000 bis 2500 Portionen hat er im Auftrag des Türkisch Islamischen Kulturvereins vorbereitet. Doch noch ist es nicht so weit. Erst steht noch der schwerste Weg bevor, den die Familie von Tugçe A. je wird gehen müssen, das Geleit von der Moschee, wo der Imam das Totengebet spricht, zum Grab. Schon an der Moschee im acht Kilometer entfernten Wächtersbach wollen mehr als 1500 Menschen Abschied nehmen, unter ihnen Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) und der türkische Botschafter in Deutschland, Hüseyin Avni Karslioglu. Hier, wo die junge Frau einst zur Schule ging, wartet nun ein grauer Tisch aus Stein auf ihren Sarg. Leer steht er am Rand des Moschee-Parkplatzes, während der Imam im Inneren das Mittagsgebet spricht. Irgendwann stellt jemand die deutsche und die türkische Flagge daneben.

Es ist kurz vor 13 Uhr, als ein Dutzend junger Männer, darunter Tugçes Bruder, den Sarg vorsichtig aus dem Wagen heben. Es ist eine seltsame Kulisse, eine tief bedrückte Stimmung vor dieser freundlichen, neuen Moschee im einem Gewerbegebiet. Es herrscht eine tiefe Stille, nur ab und zu schluchzt jemand. Viele tragen ein Bild von Tugçe über dem Herzen befestigt, versehen mit ihrem Geburtsdatum, dem 28. November 1991. Statt eines Todestages steht daneben das Unendlichkeitszeichen – als Signal, dass die Erinnerung an Tugçe weiterleben wird. Ein Begräbnis dieser Dimension hat der kleine Türkisch Islamische Kulturverein des Ortes noch nie erlebt. Rund 220 Familien gehören ihm an, zusammen rund 900 Menschen. Aber allein schon die Verwandtschaft und der Freundeskreis von Tugçe belaufe sich auf weit mehr als 300 Personen, sagt der Pressesprecher des Main-Kinzig-Kreises, John Mewes. Die Behörde hat die Organisation rund um die Beerdigungsfeier gestemmt, hat Feuerwehr, Sanitäter, Polizei und 20 Busse geschickt, um die Trauergäste von der Moschee auf den Friedhof zu transportieren. Bei der Planung sei es in erster Linie um die Familie gegangen, sagt Mewes. „Sie wünscht sich einen würdevollen Abschied.“

Zivilcourage posthum ehren

Die Familie hatte in den vergangenen Wochen viel zu ertragen außer dem Schmerz über den gewaltsamen, sinnlosen Tod ihrer Tochter. Da waren Beschimpfungen im Internet, Vorwürfe an Tugçe, dass sie sich naiv selbst in Gefahr gebracht habe.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich mittlerweile zu Wort gemeldet. Sie habe eine „große Sympathie“ für den Gedanken, „den der Bundespräsident da geäußert hat“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Joachim Gauck will prüfen lassen, ob sie für ihre Zivilcourage posthum mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt werden soll.

„Wir sind alle sehr traurig. Das ist eine sehr emotionale Situation für uns“, sagte der Vorsitzende des Kulturvereins, Hakan Akbulut. Vor der Moschee und am Grab drücken zahllose Blumengebinde Anteilnahme und Trauer aus. Ein Gesteck aus rosa und weißen Rosen trägt ein Band mit der Aufschrift: „Es hätte auch meine Tochter sein können.“ An einem anderen steht: „Unser Engel, Du wirst immer in unseren Herzen bleiben.“