Justiz

„Der Steuermann ist schuld“

„Costa Concordia“-Prozess: Kapitän Schettino sagt aus. Sogar die Richter sind schockiert

„Drei Fliegen mit einer Klappe“ habe er schlagen wollen, sagte Francesco Schettino – und den Richtern und Anwesenden im Gerichtssaal blieb die Spucke weg. 32 Menschen mussten bei der Tragödie der „Costa Concordia“ am 13. Januar 2012 sterben, als der Ozeanriese nach einer „Verbeugung“, dem sehr dichten Vorbeifahren an der Küste, vor der kleinen Mittelmeerinsel Giglio kenterte und sank. Damals war Schettino der Kapitän des Schiffes, 4200 Menschen waren an Bord. Die erste „Fliege“ bestand laut Schettino darin, mit der Fahrt dicht entlang der Insel „ein Spektakel für die Passagiere an Bord des Schiffs“ zu veranstalten. Die zweite „Fliege“ war ein Gefallen an den Chef-Kellner des Schiffs – denn der stammt von der Insel Giglio. Die dritte „Fliege“ schließlich sei die Ehrung eines dort lebenden Freundes gewesen. Jener Freund war einst „Concordia“-Crewmitglied.

„Auf diese Weise konnten die Passagiere Bilder vom Ufer machen, die Inselbewohner Fotos vom Kreuzfahrtschiff.“ Schettino erklärte auch, warum es Usus sei, dass unbefugte Gäste auf die Kommandobrücke kommen – so wie am Unglücksabend. Für solche Visiten habe die Kreuzfahrtgesellschaft sich 50 bis 60 Euro pro Passagier zahlen lassen. „Sie wurden allerdings nie genehmigt, während wir Kurs auf die Küste nahmen“. Eine Showeinlage also, die 32 Menschen das Leben kostete.

Aber sein ins Geschmacklose abgleitender Spruch hallte wie ein makabrer Scherz durch den Saal eines Theaters im toskanischen Grosseto, das seit mehr als einem Jahr Bühne für den gigantischen Prozess um das Unglück ist. Jetzt musste Schettino erneut aussagen. Seine lockere Art, mit der Tragödie umzugehen, lässt tief in die Psyche des ehemaligen Kapitäns blicken.

Der 54-Jährige steht wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht. Vorgeworfen wird ihm auch, dass er als einer der Ersten das Schiff verließ, lange bevor die stundenlange Rettungsaktion vor der Insel abgeschlossen war und während sich noch Passagiere an Bord befanden, wo gerade Chaos ausgebrochen war. In dem Prozess, der im September 2013 begann, gibt es 240 Nebenkläger. Die Staatsanwaltschaft will Schettino für mehr als 20 Jahre ins Gefängnis bringen. Unter den 32 Toten waren auch zwölf Deutsche. Einige der Opfer erstickten qualvoll in Aufzügen und Kabinen, die durch das hereinflutende Wasser stecken geblieben waren. Das letzte Opfer konnte erst im November geborgen werden, vier Monate nachdem das Wrack im Hafen von Genua angelegt hatte. Das alles lässt Schettino zumindest äußerlich kalt. Um seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, waren dem einstigen Kreuzfahrtkommandanten offensichtlich alle Mittel recht. Auch bei der Frage, wer die Kursänderung zu verantworten hat, durch die das Schiff zu nah an das Riff vor der Insel geriet.

Schettino baute seine Verteidigungstaktik auf Fehler in der Kommandohierarchie auf, wälzte alle Verantwortung auf andere ab und unterstellte seinen ehemaligen Untergebenen sogar Falschaussagen: „Mir war nicht klar, dass wir so nah vor der Insel waren. Es ist die Schuld des Steuermanns.“

Immerhin, so darf die Öffentlichkeit erfahren, orderte Schettino die Kursänderung nicht an, um damit vor seiner Geliebten zu prahlen. Die Moldawierin Domnica Cemortan, Hostess und Tänzerin, war am Unglücksabend an Bord, sozusagen als schwarzer Passagier; die beiden dinierten in der Kapitänsloge. „Ich habe es nicht für die Cemortan getan, ich habe es nicht getan, um ihr zu gefallen“, versicherte Schettino.

Über das Verhältnis der beiden war lange spekuliert worden. Erst Ende September hatte die Tänzerin ausgesagt und die mit Spannung erwartete Antwort auf die Frage gegeben, ob sie nun die Geliebte Schettinos gewesen ist. „Ja, ich war es“, gab sie zu. Alles in allem habe „eine Dummheit“ zu der Katastrophe geführt, gab Schettino schließlich zu. Man solle nicht glauben, dass ihn das Unglück nicht quäle. Das mag man ihm angesichts so mancher Fehltritte kaum glauben. Im Sommer löste er empörte Proteste aus, als er an der römischen Sapienza-Uni eine Vorlesung über Panikverhalten hielt und dabei das Schiffsunglück als Beispiel anführte. Zuvor hatte er auf Ischia eine Party mit Prominenten gefeiert, was viele angesichts der Tatsache, dass das Wrack nach weiteren Leichen durchsucht wurde, als schamlos betrachteten. Immerhin war es wohl der letzte der spektakulären Termine im „Costa Concordia“-Prozess, ein Urteil wird bereits im Januar erwartet.