Gewalt

Erst schießen, dann fragen

Ein Hamburger Austauschschüler ist in den USA von einem Hausbesitzer erschossen worden, der sich bedroht fühlte. Jetzt hat der Prozess begonnen

Hector Almeda hat sieben Waffen. „Einen Revolver, zwei Pistolen und der Rest Gewehre“, sagt er nicht ohne Stolz. Almeda ist weder Polizist noch Soldat, sondern schlicht Automechaniker. Aber er lebt in Montana und ist einer von vielen Waffenbesitzern. Von sehr vielen. In wenigen Regionen in der westlichen Welt sind Waffen so selbstverständlich und so allgegenwärtig wie in einigen Staaten in der nordwestlichsten Ecke der USA. Dem Hamburger Austauschschüler Diren Dede wurde das zum Verhängnis.

Vor dem Bezirksgericht in Missoula (Montana) hat am Montag der Prozess um den Tod des 17-Jährigen begonnen. Dort muss sich der Hausbesitzer Markus K. verantworten, der Diren in seiner Garage erschoss. Die Anklage lautet auf vorsätzliche Tötung, darauf stehen mindestens zehn Jahre Haft. Die Verteidigung will auf Notwehr plädieren.

Zum Prozessauftakt im komplett gefüllten Gerichtssaal ging es darum, zwölf Geschworene auszuwählen. Die Anwälte von K. hatten zuvor vergeblich versucht, eine Verlegung des Verfahrens zu erreichen. Sie argumentierten, die potenziellen Geschworenen in der liberalen Universitätsstadt seien gegen den Angeklagten voreingenommen. Das Verfahren, zu dem die Eltern von Diren Dede nach Missoula reisten, ist auf drei Wochen angesetzt.

K. hatte in seiner Garage Bewegungsmelder und eine Videokamera installiert. Als Diren in der Nacht zum 27. April auf der Suche nach etwas zu trinken die halb offenstehende Garage betrat, nahm der Hausbesitzer seine Schrotflinte und schoss viermal auf den unbewaffneten Eindringling. Nach den Worten seines Anwalts wollte K. sich und seine Familie schützen, nachdem bereits mehrfach bei ihm eingebrochen worden war. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 30-Jährigen jedoch vor, er habe mit einer Handtasche in der offenen Garage Dieben eine Falle stellen wollen, um diese dann über den Haufen zu schießen. „Ich werde die Scheißkerle töten“, soll er gesagt haben.

In Montana und vielen anderen US-Bundesstaaten dürfen Hausbesitzer tödliche Gewalt anwenden, sofern nachvollziehbar ist, dass sie dies aus Furcht um Leib und Leben taten. Zwei andere Jugendliche haben mittlerweile gestanden, zuvor bei K. eingebrochen und dabei Wertsachen und Marijuana gestohlen zu haben.

Das Bild der waffenstarrenden Nation, in der man an jeder Ecke selbst Sturmgewehre kaufen kann, ist in den meisten Teilen der USA nur ein Klischee. In Montana nicht. Fast zwei Drittel der Haushalte haben eine Waffe. Mindestens. „Bei uns sind es 17, denn mein Sohn hat auch noch zehn“, sagt Almeda. Für ihn ist das nichts besonders: „Wir sind beide Jäger. Und in diesem dünn besiedelten Staat gehört es fast dazu, sein Essen selbst zu schießen.“

Montana ist größer als Deutschland, hat aber weniger Einwohner als Köln: 1,01 Millionen. Mehr als 57 Prozent der Menschen in Montana sollen über mindestens eine Waffe verfügen. Platz drei von 51, mehr sind es nur noch im benachbarten Wyoming und im noch dünner besiedelten Alaska.

Für die Zeitschrift „Guns and Ammo“ („Waffen und Muni“), die ihre neueste Ausgabe verbrauchernah mit „die schönsten Handfeuerwaffen als Geschenkidee“ bewirbt, ist Montana der achtbeste Staat der USA: „Montana ist ein Paradies für Jäger. Aber auch Waffenfreunde, die nicht jagen, können die angenehmen Gesetze des Staates genießen.“

Und dennoch gibt es in nur wenigen Staaten weniger Morde als in Montana. Gerade 22 waren es im vergangenen Jahr. In Köln – bei gleicher Einwohnerzahl, aber einem strikten Waffenrecht – waren es mehr als doppelt so viele. „Zu einer Waffe gehört auch Verantwortung“, sagt Almeda: „Ich habe meinen Sohn schon früh an das erste Gewehr herangeführt. Aber ich habe ihm auch eingetrichtert, dass er ein gefährliches Instrument in der Hand hat und so auch damit umgehen soll.“

Und so gibt es in Montana auch wenig Verständnis für den Schützen von Missoula. „Trigger-happy“, schießwütig, nennt Almeda ihn. Das umfassende Notwehrrecht in Montana wird auch von einer Abgeordneten kritisiert. „Es hat diesen Staat in ein Land der Waffengewalt und Selbstjustiz verwandelt“, sagte Ellie Hill (Demokraten) der Lokalzeitung „Missoulian“. „Es wurde eine Kultur geschaffen nach dem Motto: Erst schießen, dann fragen.“