Justiz

„Ich habe Sehnsucht nach Deutschland“

„Mehmet“ wurde im Jahr 1998 als 14-jähriger Intensivtäter in die Türkei abgeschoben. Jetzt will er wieder zurückkehren

Noch vor seiner Strafmündigkeit mit 14 Jahren hatte der in München geborene Muhlis Ari – besser bekannt als das „Klaukind Mehmet A.“ – mehr als 60 Straftaten wie Körperverletzung oder Diebstahl begangen. Daraufhin wurde der Intensivtäter ohne seine Eltern in die Türkei abgeschoben. Deren Staatsbürger war er zwar, aber die Sprache beherrschte er so gut wie gar nicht. Nun wünscht er sich nichts sehnlicher als nach Deutschland zurückzukehren – auch auf die Gefahr hin, erst einmal ins Gefängnis zu wandern.

Berliner Morgenpost:

Sie wollen nach Deutschland zurück. Warum eigentlich?

Muhlis Ari:

Das ist leicht zu beantworten: Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen. Deutschland ist meine Heimat. Die Türkei ist auch meine Heimat. Aber ein Teil von mir ist deutsch. Ich möchte das Deutsche in mir ausleben können. Ich habe Sehnsucht nach Deutschland.

Sie sind aber aus Deutschland geflohen.

Ja, damals kam mir das schlau vor. Ich hatte was relativ Kleines angestellt und wollte dafür nicht ins Gefängnis. Heute seh ich es anders. Es muss Schluss sein mit dem Weglaufen. Ich will meine Strafe verbüßen.

Warum zieht es Sie zurück?

Es ist das Bekannte. Dass ich dort alles kenne. Dass ich alles vermisse, was dort ist. Das ganz Normale, das ganz Kleine. In die U-Bahn steigen. Durch die Stadt laufen. Das deutsche Essen.

Sie haben immerzu die Regeln der Deutschen gebrochen und sind am Deutschen eigentlich gescheitert.

Ich seh’s ein bisschen anders. Ich bin nicht an den Deutschen gescheitert, sondern an der deutschen Politik. Ich bin mit zwölf Jahren ein Politikum geworden. Damals hat die „Bild“-Zeitung mich rausgepickt aus einem Rudel von schwarzen Schafen. Also ja, ich war schon ein schwarzes Schaf, aber eins von ganz vielen. Es war aber Zufall, dass es mich traf. Alles, was ich gemacht habe, stand immer sofort in der Zeitung. Das war mein Schicksal. Ich war das „Klaukind Mehmet A.“ aus München. Und der Politik war es recht, dass sie einen Schuldigen gefunden hatte für ihr eigenes Versagen: mich.

Wo hat die deutsche Politik denn versagt?

Die haben uns alles durchgehen lassen. Wir haben geklaut und Schule geschwänzt, und es gab nie wirkliche Konsequenzen. Da dachten wir, es ist okay. Meine Eltern konnten mir keine Grenzen setzen. Ich liebe sie, aber sie sind an meiner Erziehung gescheitert.

Was hätte bei Jungs wie Ihnen geholfen?

Frühes hartes Durchgreifen. Aufzeigen von Konsequenzen. Vorbilder. Aber die haben uns Sozialarbeiter geschickt, die immer auf Verständnis gemacht haben.

Sie sollen in Antalya einen Deutschen überfallen und ausgeraubt haben. Wem geben Sie jetzt die Schuld?

Was soll die Frage? Sie wollen sagen, dass ich immer andern die Schuld gebe, oder? Ich habe niemanden überfallen und ausgeraubt. Der Mann, der mich belastet, ist ein Berufskrimineller. Er sitzt gerade wieder in Deutschland im Gefängnis. Er ist der Verbrecher, nicht ich. Das wird der Prozess klären. Und dann wird endlich alles gut.

Sie haben gesagt, dass Sie in Deutschland ins Gefängnis gehen wollen. Wollen Sie das vielleicht nur, um der viel schlimmeren Haftstrafe in der Türkei zu entgehen?

Nein, das ist totaler Unsinn. Ich mach erst hier den Prozess sauber fertig. Ich weiß, dass ich freigesprochen werde. Wenn die Berufung durch ist, dann will ich mich mit Deutschland versöhnen. Erst dann. Das eine hat mit dem andern gar nichts zu tun. Das müssen Sie so aufschreiben, okay?

Wovon wollen Sie leben?

Ich will doch gar nicht in Deutschland leben. Schon gar nicht will ich von Sozialhilfe leben. Warum denken das eigentlich immer alle? Ich will nur wieder nach Deutschland reisen können. Also als Gast, als Besuch oder auch beruflich. Ich will Frieden mit Deutschland machen. Alles soll abschließend und korrekt geregelt werden. Da bin ich sehr deutsch.

Sie haben keinen Beruf gelernt. Wie kommen Sie klar?

Das stimmt, ich habe keinen Beruf gelernt. Trotzdem habe ich einen Beruf. Ich bin Unternehmer. Es geht mir gut hier in der Türkei. Ich gehöre zur Mittelschicht, aber ich arbeite hart. Ich veranstalte Paintball-Events für Unternehmen, handele mit Gebrauchtwagen, und nachts arbeite ich in einer Fabrik, damit ein bisschen mehr übrig bleibt.

Sie sind in Deutschland das Paradebeispiel für eine missglückte Integration.

Ich war ein deutsches Kind mit einem türkischen Pass – so bin ich geboren, das hab ich mir nicht ausgesucht. Ich war ein schlimmes Kind, das ist wahr. Aber das mit der gescheiterten Integration, das stimmt schon auch. Meine Freunde und ich – wir machten einfach niemals etwas Gescheites. Wir hingen rum, und niemanden hat das interessiert. Wir waren alle so. Ich will nicht entschuldigen, was ich damals gemacht habe, da gibt es nichts zu beschönigen. Nur dass ich als Einziger von der Politik furchtbar hart bestraft wurde.

Was sind Ihre Pläne in Deutschland?

Ich habe eine Idee. Wenn es klappt, wenn ich meine Vergangenheit bereinigt habe, dann gründe ich in Deutschland einen Verein. Ich habe auch schon eine Idee für den Namen – „Gewaltig gegen Gewalt“. Gut, oder?

Was soll der Verein machen?

Paintball für Kinder von der Straße. Jeder darf mitmachen. Paintball ist was Tolles für Jungs. Aggressionen rauslassen, Erfolge erzielen, strategisch denken. Die Kinder kommen von der Straße, sie haben Spaß. Ich glaube, so ein Verein würde viele Probleme von Kindern lösen, wie ich damals eins war. Ich würde mit den Kindern reden. Ich weiß, wie das geht. Auf mich würden sie hören. Ich würde ihnen sagen: Macht es so. Und nicht so. Werdet nicht so, wie ich es war.