Gewalt

Der Finger am Abzug

In den USA greift die Polizei oft hart zu. Das Motiv ist häufig Angst

Auf der einen Seite ein Zwölfjähriger auf einem Spielplatz mit einer Druckluftpistole. Auf der anderen zwei Polizisten mit echten Waffen. Der Junge macht den Beamten zufolge eine verdächtige Bewegung. Sie feuern auf ihn. Der Junge aus in Cleveland im US-Bundesstaat Ohio stirbt einen Tag später im Krankenhaus. Es ist ein grausiger Fall, aber die Nachricht vom Wochenende schlägt in den USA vergleichsweise kleine Wellen. Ein „sehr, sehr tragischer“ Vorfall sei es, sagt der stellvertretende Polizeichef von Cleveland, Ed Tomba. Aber er verteidigt das Vorgehen seiner Männer: „Sie machten ihren Job.“ „Wir müssen annehmen, dass jede Waffe echt ist“, erläutert der Chef der Vereinigung der Streifenpolizisten in Cleveland, Jeff Follmer, der örtlichen Zeitung „Plain Dealer“. „An dem Tag, an dem wir das nicht tun, werden wir nicht mehr nach Hause zurückkehren.“

Die Begründung macht deutlich: Es ist die bloße Angst, erschossen zu werden, die sie auf den Abzug drücken lässt. Ganz unverständlich ist das nicht in den USA, wo mehr Schusswaffen im Umlauf sind, als es Einwohner gibt. Jedes Jahr sterben durch sie rund 30.000 Menschen, sei es gezielt, bei Unfällen oder durch Suizid. Mit Schüssen ermordet wurden 2013 rund 9000 Menschen, darunter 30 Polizisten.

Die tödliche Polizeigewalt in den USA scheint recht hoch. Verlässliche Zahlen gibt es zwar kaum. Aber die Bundespolizei FBI zählte 2012 insgesamt 409 Fälle, in denen ein Polizist rechtens einen Verdächtigen erschoss. Die Statistik ist alles andere als komplett: Landesweit gibt es etwa 17.000 unterschiedliche Polizeibehörden. Nur ganz wenige geben überhaupt Daten an die Bundesbehörden weiter.

Doch in vielen Staaten werden Todesschüsse durch Polizisten gar nicht erst durch unabhängige Behörden oder Gerichte geprüft. Häufig werden die Fälle einfach zu den Akten gelegt. Auch in den Kleinstadt Ferguson in Missouri wäre das fast passiert, nachdem ein weißer Polizist den unbewaffneten schwarzen Teenager Michael Brown erschossen hatte.

Erst nach Demonstrationen und Ausschreitungen in der Stadt wurde der Fall einer Geschworenenjury übergeben, die demnächst entscheidet, ob der Polizist angeklagt wird.