Anschuldigungen

Lügen, Missbrauch, Schweigegeld

Trotz der Vorwürfe war Bill Cosby immer ein beliebter Talkshowgast. Das ändert sich jetzt

Ein Komiker, dem es erst den Humor, dann die Sprache verschlägt, ist ein trauriger Anblick. So widerfuhr es dem amerikanischen Stand-up-Comedian Bill Cosby vor Tagen in einem Interview, als er zu Vergewaltigungsvorwürfen befragt wurde.

Der 77-Jährige schüttelte nur den Kopf, als sein Gegenüber insistierte, gerade seine Bewunderer warteten dringend auf ein Wort von ihm. Wie in einer Gerichtsverhandlung verweigerte ein Mann die Aussage, der seit einem Jahrzehnt den Schwarzen konservative Werte predigt – Verantwortung, Selbstbestimmung, Respekt vor der traditionellen Familie – jede Aussage. Das Urteil ergeht seither in Form eines Shitstorms in den sozialen Netzwerken.

Drei Frauen haben Cosby innerhalb von Tagen beschuldigt, sie vor Jahrzehnten vergewaltigt zu haben. Zuletzt ging das frühere Supermodel Janice Dickinson an die Öffentlichkeit: 1982 habe Bill Cosby ihre Bewerbung für eine Rolle in seiner Show benutzt, um sie in einem Hotel in Lake Tahoe zu betäuben und zu missbrauchen. Sie habe gefürchtet, als Hure gebrandmarkt zu werden, die für ihre Karriere alles tue. Als sie 2002 in einem Buch davon berichten wollte, setzten Cosby und seine Anwälte sie massiv unter Druck.

Pranger im Netz

Vor Dickinson hatte Joan Tarshis ähnliche Übergriffe beschrieben. Als Erste war Barbara Bowman mit einem Artikel in der „Washington Post“ an die Öffentlichkeit getreten. Mitte der 80er habe Bill Cosby sie mehrfach unter Drogen gesetzt und missbraucht, schrieb Bowman. Beim ersten Mal sei sie 17 gewesen. Sie könne nicht länger schweigen und hoffe auf den Mut anderer Frauen, die Opfer des Schauspielers geworden seien. Schon im Jahr 2005 gab es eine außergerichtliche Einigung mit Andrea Constand und 13 anderen Frauen.

Wie hoch das Schweigegeld ausfiel, wurde nie bekannt. Angesichts des geschätzten Vermögens von weit über 300 Millionen Dollar dürfte es nicht gering ausgefallen sein. Diesmal, so scheint es, lassen sich die Frauen keinen Maulkorb verpassen.

Es versteht sich, dass Bill Cosby als unschuldig zu gelten hat, bis das Gegenteil bewiesen ist. Dem Pranger im Netz kann er sich jedoch nicht entziehen. Den prominenten Gegnern Cosbys, die ihn schon lange für einen elitären Moralapostel hielten oder gar für einen Komplizen weißer Rassisten, ist der Verdacht ein Grund zur Schadenfreude. Noch schweigen die meisten im Chor. Ein Versuch Cosbys, über Twitter Unterstützungsadressen zu gewinnen, schlug peinlich fehl. Die Verführung, einem Propheten, der gegen Sozialschmarotzer, misogynen Gangsta-Rap und flüchtige Väter predigt, Verbrechen zuzutrauen, ist für manche unwiderstehlich. Zumal Cosby selbst gern austeilt. Zuletzt in einem CNN-Interview, als er seine Kritiker zu „no-grows“, einer Verhöhnung von „negroes“, schrumpfen ließ.

„Die stehen an der Straßenecke und können kein Englisch sprechen. Und jeder weiß, dass man nicht Arzt wird oder irgendeinen anständigen Beruf haben kann, wenn solch ein Mist aus dem Mund quillt.“ So schrieb Bill Cosby 2005 und konnte sich der stillen Zustimmung des schwarzen Bürgertums gewiss sein. Für solche Idioten seien ihre Eltern und Großeltern nicht auf die Straße gegangen und hätten sich „Steine ins Gesicht werfen lassen“. Früher hätten sich die Leute geschämt, wenn ein uneheliches Kind kam: „Heute hat eine Frau acht Kinder mit acht verschiedenen Ehemännern oder Männern oder wie auch immer man sie heute nennt.“ Der Zorn ist authentisch. Cosby wuchs selbst ohne Vater in einem Getto auf und geriet in schlechte Gesellschaft. Cosbys Haltung verhärtete sich, als 1997 sein Sohn in Los Angeles Zufallsopfer tödlicher Schüsse wurde. Die Republikaner hörten es gern; mit Barack Obama konnte Cosby lange nichts anfangen. Die Medien hätten sich in den Kandidaten doch nur verknallt, weil sie ihn als „niedliches, braunes Baby“ sähen. Später erwärmte er sich etwas für den Präsidenten, der selbst die Vaterlosigkeit der schwarzen Community beklagte und Bildungseifer verlangte.

Bis vor wenigen Tagen blieb Cosby ein gefragter Talkshowgast. Doch inzwischen luden ihn Queen Latifah und David Letterman aus ihren Shows aus.