Militär

Ein hohes Risiko

Der Todesschütze von Osama Bin Laden gibt seine Identität preis

Es sollte der ganz große Coup des rechtskonservativen US-Nachrichtensenders Fox News werden: In einer zweiteiligen Dokumentation am kommenden Dienstag und Mittwoch sollte der Name des Schützen enthüllt werden, der den Chef des islamistischen Terrornetzwerkes al-Qaida, Osama Bin Laden, in einer Kommandoaktion im pakistanischen Abbottabad am 2. Mai 2011 erschossen hat. Doch der Vater des Schützen plauderte nun bereits jetzt gegenüber der britischen Zeitung „Daily Mail“ alles aus – was seinen Sohn womöglich zu einem prioritären Ziel islamistischer Extremisten macht. Robert „Rob“ O’Neill gehörte 16 Jahre lang zur US-Eliteeinheit Navy Seals, hat an mehr als 400 Kommandoaktionen in Afghanistan, Irak, Pakistan und anderen Orten teilgenommen. Er war auch beteiligt an der Befreiung der „Maersk Alabama“ aus der Hand somalischer Piraten am 12. April 2009. O’Neill ist 52 Mal ausgezeichnet worden, 30 Menschen will er im Einsatz getötet haben.

Doch der berühmteste und nachhaltigste Einsatz des heute 38-Jährigen bleibt der in jenem Mai in Pakistan mit seinem legendären Seal-Team Six. Als der Kommandoführer den Code „EKIA“ (Enemy killed in action, Feind im Einsatz getötet) an das Hauptquartier meldete und im Weißen Haus Präsident Barack Obama mit seiner damaligen Außenministerin Hillary Clinton den Einsatz live verfolgte, hatte O’Neill dem Staatsfeind Nummer eins drei Kugeln in den Kopf geschossen.

Rob O’Neill ist heute als Motivationsredner tätig. Er kommt aus der Kupferminenstadt Butte im US-Bundesstaat Montana und ging nach einer gescheiterten Liebesbeziehung zu den Seals, die in gewisser Weise zu seiner Familie geworden sind. Doch diese Familie könnte ihn nun ausstoßen, sollte er in der Fox-Dokumentation tatsächlich alles über die Einsätze preisgeben, Namen nennen, Taktiken und Einsatzrichtlinien ausplaudern. Ihm könnte sogar ein Prozess wegen Geheimnisverrates drohen. Im Weißen Haus und im Pentagon ist man ziemlich beunruhigt über O’Neills Enthüllungen, heißt es in Washington.

Seine Entscheidung, sich öffentlich zu erkennen zu geben und klare Worte zu sprechen, hat Gründe. O’Neills Motivation liegt unter anderem darin begründet, dass ihm Vergütungen gestrichen wurden, weil er nur 16 und nicht die erforderlichen vollen 20 Jahre für die Seals im Einsatz gewesen ist. Es geht ihm vor allem wohl darum, aufzuzeigen, wie unwürdig Amerika mit jenen „Helden“ umgeht, die es in tödliche Missionen schickt.

O’Neill muss sich aber im Klaren darüber sein, dass er den Seal-Ehrenkodex bricht, der die ehemaligen Elitesoldaten auch nach ihrer aktiven Zeit zur Verschwiegenheit verpflichtet. Der Mann, der Osama Bin Laden getötet hat, wird bald wohl nicht mehr viele Freunde haben. Der Einsatz wurde ebenfalls von Hollywood in dem Film „Captain Phillips“ verarbeitet.