Sterbehilfe

„Ade, Welt. Verbreitet gute Energie!“

Sterbehilfe: Krebskranke Brittany Maynard aus den USA beendet ihr Leben im Alter von 29 Jahren mit tödlichen Medikamenten

Zum Schluss ging alles so, wie sie es sich unter diesen Umständen gewünscht hatte. Brittany Maynard lag im Schlafzimmer, umgeben von Menschen, die sie liebte. Ihren Mann, ihre Mutter, ihren Stiefvater und ihre beste Freundin wollte sie in diesen letzten Momenten ihres Lebens um sich haben. Die tödlichen Medikamente aus den gelben Plastikbehältern hatte die Krebskranke wie geplant eingenommen – dann setzte der Tod ein. Die an einem schweren Gehirntumor leidende 29-Jährige ist wie angekündigt gestorben. In wenigen Wochen wäre Maynard 30 Jahre alt geworden.

Wochenlang hatte die Amerikanerin die Geschichte ihres Leidens erzählt. Sie hatte Interviews gegeben und sich mit Videobotschaften an ein Millionenpublikum gewandt. Fest stand, dass das Krebsgeschwür sie nach ärztlicher Diagnose in wenigen Monaten qualvoll töten würde. Ihre Entscheidung, stattdessen mit einer Art öffentlichen Suizids dafür zu kämpfen, dass todkranke Menschen selbst über ihr Ableben entscheiden können, fachte die Debatte um aktive Sterbehilfe neu an.

Hat der Mensch das Recht, sein eigenes Leben vorzeitig zu beenden, wenn ihn eine tödliche Krankheit befällt? Brittany Maynard war davon überzeugt, und nutzte nun ihren eigenen Tod, um für andere Menschen in ähnlichen Lebenslagen zu kämpfen.

Der Sterbehilfeverband Compassion&Choices (Mitgefühl und Entscheidungsfreiheit), der Maynard begleitete, kritisierte immer wieder, in den USA werde das Sterben verdrängt. Maynard habe die Auseinandersetzung mit dem Tod „real“ gemacht. „Es lässt sich auf keine Weise vorhersagen, wann Deine Krankheit übernimmt und sämtliche Lebensqualität zerquetscht“, sagte die Sprecherin von Compassion & Choices, Gwen Fitzgerald, nach Maynards Tod. Sie sei eine „unglaubliche Frau“ gewesen und habe einen internationalen Dialog gestartet, der bestehende Regelungen zur Sterbehilfe nun erneut infrage gestellt habe.

Sie wünschte sich eine Familie

Der amerikanische Palliativmediziner Ira Byock hält dagegen: Legalisierte ärztliche Sterbehilfe, wie von Compassion & Choices und Maynard gefordert, helfe leidenden Menschen nicht wirklich, sagt er. Man müsse vielmehr die Sterbebegleitung verbessern. Maynard sei „vom Appetit der Medien auf Sensationalismus“ ausgebeutet worden.

Eigentlich wollte die junge Frau aus Kalifornien Lehrerin werden und eine Familie gründen. Im Herbst 2012 hat Brittany Maynard geheiratet. Dann kamen die Kopfschmerzen, im Januar 2014 dann die Diagnose Gehirntumor. Die 29-Jährige litt an einem Glioblastom, aggressiv und unheilbar. Die Ärzte gaben ihr sechs Monate. Maynard war mit ihrer Familie extra aus Kalifornien ins nördlich gelegene Oregon gezogen, wo Sterbehilfe wie in vier anderen der 50 US-Staaten erlaubt ist.

Die US-Amerikaner sind gespalten beim Thema Sterbehilfe. In einer Erhebung des Pew Research Center Ende 2013 sprachen sich 47 Prozent der Befragten für die Legalisierung ärztlicher Sterbehilfe aus, 49 Prozent sind dagegen. Strikte Sterbehilfegegner sind die Kirchen. Der Ärzteverband American Medical Association vertritt die Ansicht, Beihilfe zum Suizid sei unvereinbar mit der Aufgabe des Mediziners zu heilen. Mit Hilfe des sogenannten Death with Dignity Act (Gesetz für ein Sterben in Würde) bekamen seit 1997 bereits 1173 Sterbenskranke ein tödliches Betäubungsmittel verschrieben, 752nahmen sich damit tatsächlich das Leben. Maynard habe sich gewünscht, dass Patienten in ihrem Heimatstaat ähnliche Rechte genießen würden, heißt es im Nachruf der Familie, der am Sonntag auf Maynards Website auftauchte. „Die Freiheit liegt in der Wahl“, habe sie geglaubt. In einem Internetvideo sagte sie, es sei für sie eine große Beruhigung, dass sie die Arzneimittel habe, und nicht mehr der Tumor bestimme, wie und wann sie sterben werde. „Ich will nicht sterben, aber ich bin am Sterben“, sagte Maynard dem Magazin „People“.

In den letzten Wochen hatten sich die Auswirkungen des Tumors zunehmend gezeigt. Auf ihrer Webseite beschrieb Maynard ihr Leiden. Nach ihrem bisher schlimmsten Krampfanfall habe sie eine Zeit lang nicht mehr sprechen können. Nach einer Art öffentlichem Countdown bis zum Tod verfasste Maynard schließlich eine Abschiedsnachricht und setzte sie per Facebook-Post in die Welt. „Die Welt ist ein wunderschöner Ort, Reisen sind mein größter Lehrer gewesen, meine engen Freunde und Eltern sind die größten Geber. Ich habe sogar einen Ring der Unterstützung um mein Bett während ich tippe.“ Besondere Worte widmete sie ihrem 43 Jahre alten Mann Dan Diaz („mein süßer, schlauer Mann“) sowie ihrer 56 Jahre alten Mutter („mein selbstloses, gebendes Vorbild“), ihrem 72-jährigen Stiefvater („bester Stiefvater aller Zeiten“) und einigen weiteren engen Vertrauten. Ihre Botschaft schloss Brittany Maynard mit den Worten: „Ade, Welt. Verbreitet gute Energie. Reicht es weiter!“