Dokumentarfilm

„Sie kriegen die Radioaktivität nicht los“

Erstmals dürfen Ausländer in Fukushima filmen. Ranga Yogeshwar war für die ARD dabei

Ranga Yogeshwar träumte von riesigen schwarzen Säcken. Zu Tausenden liegen sie prall gefüllt herum. Es war kein bloßer Traum. Der Wissenschaftsjournalist verarbeitet nachts seine Erlebnisse in der Region Fukushima. Immer wieder stieß dort er auf Wälle von Säcken. Darin lagern die obersten fünf Zentimeter radioaktiv verseuchter Erdschicht. „Die schwarzen Säcke sind für mich das Symbol der Katastrophe“, sagt Yogeshwar. Japan will die nukleare Katastrophe vom 11. März 2011 bewältigen. Tausende Menschen versuchen, die verstrahlte Region zu säubern und wieder bewohnbar zu machen. Es ist eine Aufgabe für Jahrzehnte.

Yogeshwar war tief beeindruckt, „wie ein Land um den Erhalt seiner Heimat kämpft“. Es beschlich ihn ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit, spätestens als er sah, wie Arbeiter mit Handbürsten eine Mauer säuberten. „Trotz der Mühen kriegen sie die Radioaktivität nicht los“, sagt Yogeshwar. Der 55-Jährige ist mit Kamerateam und Übersetzer zum Ursprung der Katastrophe gereist, zu den zerstörten Reaktoren der Betreiberfirma Tepco an der Ostküste Japans. Dorthin, wo man sich nur im Schutzanzug bewegen darf und auch nur für kurze Zeit, um keine Gesundheitsschäden davonzutragen.

Nun sitzt Yogeshwar beim Westdeutschen Rundfunk in Köln und erzählt von seinen Dreharbeiten. Manchmal liefen die Strahlungsmessgeräte (Dosimeter) im Alarmbereich, erzählt er. Entscheidend sei die Dauer des Aufenthalts, vergleichbar mit einem Sonnenbad – „je stärker die Strahlung, desto kürzer der Aufenthalt“. Er und seine Kollegen schauten in Fukushima ständig auf ihre Messgeräte, denn die radioaktive Strahlung ist tückisch und kann wenige Meter weiter ganz anders sein.

Yogeshwar hat einen ruhigen, bedrückenden Film gedreht, der eine bereits verblassende Katastrophe ins Bewusstsein zurückruft. Erst geschah ein Erdbeben, dann kam ein Tsunami. Eine 15 Meter hohe Welle erreichte das Atomkraftwerk Fukushima-Daiichi I an der Küste. Die Reaktoren brachen zusammen, es gab Explosionen. Etwa 160.000 Menschen wurden evakuiert, etwa 19.000 Menschen starben in den Fluten.

Die brisanteste Baustelle der Welt

Seither existieren rote und gelbe Sperrzonen, die sich bis auf 40 Kilometer erstrecken. „Diese Katastrophe hat die deutsche Energiepolitik um 180 Grad gedreht“, sagt Yogeshwar und meint den beschlossenen Atomausstieg. Seit 2011 versuchte der Journalist, nach Fukushima zu gelangen. Er wollte nicht nur in der Umgebung filmen, wie es einige bereits getan haben, sondern auch im Innern der zerstörten Reaktoren.

Das Thema treibt ihn um. Yogeshwar hat den Eindruck, die Anti-Atom-Haltung scheine sich bei einigen in Deutschland wieder aufzulockern. „Wenn man sieht, was das vor Ort für Konsequenzen hat, dass es nicht mehr rückholbar ist, dann gibt das wichtige Impulse für die politische Debatte“, sagt er. Man könne aus Fukushima lernen. Drei Jahre, unzählige Mails und Telefonate später gewährte ihm die Betreiberfirma Tepco endlich Einlass. Yogeshwar und sein Team drehten in Schutzanzügen auf der brisantesten Baustelle der Welt, wo sich bis zu 6000 Arbeiter in Zwei-Stunden-Schichten abwechseln, und durften Reaktorblock 1 und 4 betreten.

Yogeshwar richtet in seinem Film vor allem einen menschlich anrührenden Blick auf die betroffene Bevölkerung und zeigt, welche Auswirkungen der Super-GAU auf Menschen und Umwelt hat. Verseuchte Landstriche von gespenstischer Schönheit verwildern, unzählige Häuser stehen leer. Eine frühere Café-Besitzerin ist mit Yogeshwar in ihr Haus zurückgekehrt, in dem sie nicht mehr leben kann. „Für mich ist es wie ein Krieg. Ich habe meine Heimat verloren“, erzählte sie ihm. Ein Arbeiter, der sich um Bohrungen kümmert, gestand dem Journalisten, dass er Angst habe – aber er wolle seinen Enkeln „ein gutes Land hinterlassen“.

In dieser Tragödie stieß Yogeshwar nur auf wenig Tröstliches. Ein kleines Geschäft in der Region ist täglich bereits nach eineinhalb Stunden ausverkauft. Es bietet Gemüse an, das nicht belastet ist. „Ich würde jederzeit in Fukushima Gemüse essen, weil es besser kontrolliert ist als in Deutschland“, sagt Yogeshwar. Er nahm Honig aus Fukushima mit. Am 10. September fuhr er in die „rote Zone“, die er nur mithilfe eines Offiziellen der Gemeinde Itate betreten konnte. Auch dort sah er lauter schwarze Säcke. „Das Szenario wirkt auf mich surreal und zeigt, wie zwecklos auch dieser gigantische Aufwand wohl ist. Der Wald, die Büsche und Flussufer – alles ist kontaminiert. Man kann kaum alles in Säcke verpacken! Doch die Menschen hier wollen nicht aufgeben“, schrieb Yogeshwar.

Die zerstörten Reaktorblöcke werden immer noch gekühlt, mit 4500 Litern pro Stunde, erzählt Yogeshwar. Das verseuchte Wasser wird gespeichert. Das Reaktorgelände sei „zugepflastert“ mit Wassertürmen, sagt Yogeshwar. Bis 2016 können noch weitere gebaut werden, dann gibt es dort keinen Platz mehr. Der Reaktorblock 2 strahlt immer noch so stark, dass dort nicht einmal ferngesteuerte Roboterfahrzeuge funktionieren.

„Ranga Yogeshwar in Fukushima“, ARD, 22.45 Uhr.