Ermittlungen

„Die Polizei muss jeden Stein umdrehen“

Nach dem Mord an Nationaltorwart Meyiwa ist Südafrika geschockt. Hohes Kopfgeld ausgesetzt

Die Mörder von Südafrikas Nationaltorwart Senzo Meyiwa waren offenbar gut organisiert. Um 20 Uhr betraten am Sonntag zwei Männer das Haus seiner Freundin Kelly Khumalo im Township Vosloorus am Rande Johannesburgs. Ein dritter hielt Wache. Sie verlangten von dem Paar Handys und Geld, und als einer der Männer eine Pistole auf Khumalo richtete, stellte sich der kräftige Sportler offenbar den Verbrechern in den Weg. Ein Schuss fiel und traf Meyiwa in den Oberkörper. Die Täter flüchteten zu Fuß. Senzo Meyiwa starb im Alter von 27 Jahren. Er wurde unmittelbar nach seiner Ankunft im Krankenhaus für tot erklärt.

So hat sich nach vorläufigen Angaben einer Behördensprecherin das Verbrechen zugetragen, das weltweit erschüttert. „Worte können den Schock der Nation angesichts ihres Verlusts nicht beschreiben“, sagte Südafrikas Präsident Jacob Zuma, „die Polizei muss jeden Stein umdrehen, um seine Mörder zu finden und sie ihrer gerechten Strafe zuzuführen.“ Die Oppositionspartei Democratic Alliance schrieb in einer Mitteilung, Südafrika habe den Anführer „einer jungen und erneuerten Nationalmannschaft“ verloren. Meyiwa hatte als Kapitän von „Bafana Bafana“, wie das Team genannt wird, zuletzt für einen Aufwärtstrend des chronisch erfolglosen südafrikanischen Fußballs gesorgt. In seinen letzten fünf Länderspielen blieb der Star der Orlando Pirates viermal ohne Gegentor. Das Team absolvierte nicht zuletzt dank seiner Leistungen mit vier unbesiegten Spielen bislang eine erfolgreiche Qualifikation für den Afrika-Cup 2015. „Wie kann man jemanden wegen eines Handys töten?“, twitterte sein Mitspieler Tsepo Masilela. Fassungslos, wie Menschen in aller Welt.

Noch sind die Einzelheiten der Tat unklar. Die Polizei hat umgerechnet knapp 11.000 Euro für Hinweise versprochen, die zur Ergreifung der Täter führen. Ihren Angaben zufolge hatten sogar sieben Männer das Haus betreten. Meyiwa hinterlässt neben seiner Freundin, mit der er ein gemeinsames Kind hatte, auch eine Ehefrau.

Der Nation wird in diesen Tagen mit besonderer Brutalität ihr anhaltend hohes Kriminalitätsproblem vor Augen geführt. Zwar gehört Südafrika nach Angaben der Vereinten Nationen entgegen seiner Reputation nicht zu den zehn gefährlichsten Nationen außerhalb von Kriegsgebieten (in Honduras, El Salvador und Guatemala ist die Wahrscheinlichkeit eines Mordes deutlich höher). Doch im vergangenen Jahr stieg die Zahl der Morde nach einem Jahrzehnts des Rückgangs wieder von durchschnittlich 45 auf 47 am Tag.

Der Staat kann seine ureigenste Aufgabe, die Sicherheit der Bürger, nicht erfüllen. Private Wachfirmen gehören deshalb zu den wenigen florierenden Wirtschaftszweigen des Landes, jeder achte neue Arbeitsplatz entsteht in diesem Bereich. Schutz vor Verbrechen ist zum Luxus geworden. Wer es sich leisten kann, bezahlt Wachdienste für dieses Versprechen. Und tatsächlich werden überproportional oft die Armen im Land Opfer von Kriminalität. Doch nicht erst am Sonntag zeigte sich, dass alle Gesellschaftsschichten und alle ethnischen Gruppen betroffen sind. Auch Spitzenverdiener wie Meyiwa.

Erst Anfang Oktober wurde der Parlamentsabgeordnete Jackson Mthembu bei einem Überfall an einem Geldautomaten angeschossen. Er gehört als ehemaliger langjähriger Sprecher der Regierungspartei African National Congress (ANC) zu den bekanntesten Politikern des Landes.

Im Jahr 2012 wurde der Box-Weltmeister Corrie Sanders in einem Restaurant erschossen. Reggae-Star Lucky Dube starb im Jahr 2007 auf offener Straße, als sein Auto gestohlen wurde. Im Jahr 2008 wurde die Spielführerin der Frauennationalmannschaft, Eudy Simelane, in einem Township vergewaltigt und ermordet.

Pistorius-Drama geht weiter

Und erst am vergangenen Dienstag endete das Gerichtsdrama um den Paralympics-Star Oscar Pistorius, der seine Freundin erschossen hatte. Vorerst. Die Eltern des getöteten Models Reeva Steenkamp wollen sich mit Oscar Pistorius zusammensetzen und über seine Tat sprechen. „Ich bin sicher, dass er auch gern mit uns sprechen würde“, schreibt June Steenkamp in einem Buch über ihre Sicht der Ereignisse, aus dem die britische „Times“ einen Auszug veröffentlichte. Über Monate hatte der im Fernsehen übertragene Prozess der Nation ihr Kriminalitätsproblem vor Augen geführt.

Nach dem Urteil gegen den südafrikanischen Sprintstar hat die Staatsanwaltschaft nun jedoch Berufung angekündigt. Die Anklagebehörde werde gegen das Urteil und das Strafmaß Berufung einlegen, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft am Montag.