Ebola

Das Virus und die Paranoia

Unser Korrespondent recherchierte in Liberia über Ebola. Nun wartet er auf das Ende seiner Inkubationszeit. Ein Leben in Anspannung

Jeden Morgen um 9 Uhr klingelt das Telefon. Auch gestern. „Guten Morgen Christian, wie geht es Ihnen heute?“ „Gut, vielen Dank.“ „Ihre Körpertemperatur am Abend?“ „36,6.“ „Und heute Morgen?“ „36,8.“ „Bestens, bis morgen dann.“ Ich arbeite als Korrespondent in Südafrika. Und das hiesige Gesundheitsministerium überprüft täglich, ob ich Symptome habe, die auf Ebola hinweisen könnten. Noch bis Anfang November, dem Ende der dreiwöchigen Inkubationszeit. Am 13. Oktober habe ich eine achttägige Recherche in Liberia beendet. Bei Reisen in andere Krisengebiete, wie etwa in die Zentralafrikanische Republik oder nach Somalia, endete die Anspannung beim Einstieg ins Flugzeug. Diesmal hält sie drei Wochen länger an. Bis zu 21 Tage lang kann es dauern, bis sich die Krankheit mit Fieber, Erbrechen und heftigen Kopfschmerzen brutal bemerkbar macht. Und damit geht der zweite große Unterschied zu anderen Recherchen einher. In Kriegsgebieten ist es einzig mein Leben, das ich gefährde. Mit Recherchen in Ebola-Ländern könnte ich, wenn ich nicht verantwortungsvoll agiere, durch die Ansteckungsgefahr auch Mitmenschen gefährden.

Eines vorweg: Mein Risiko war geringer, als es womöglich aus der Ferne wirkt. Ebola wird nicht wie das Grippevirus durch die Luft übertragen. Es bedarf des Kontakts mit Körperflüssigkeiten. Und ich habe in Liberia keinen Menschen berührt. So halten es derzeit die meisten in Liberia. Ich habe zwar eine Isolationsstation besucht, wurde dabei aber von Experten überwacht. Zudem bin ich keinem Patienten näher als fünf Meter gekommen, habe mir täglich bis zu 30 Mal die Hände mit Chlorlösung gewaschen und regelmäßig die Gummistiefel desinfiziert. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich das Virus in mir trage, ist verschwindend gering. Und selbst wenn: Ohne Symptome wäre ich nicht ansteckend, auch bei Körperkontakt nicht. Es gibt keinen Grund zur Sorge, sagt der Kopf. Der Bauch nicht.

Beitrag gegen Stigmatisierung

Noch immer berühre ich niemanden. Nicht unbedingt, weil ich eine Ebola-Erkrankung für möglich halten würde. Sondern vielmehr, weil ich weiß, wie sehr sich meine Freunde nach einer Umarmung von mir auch um sich selbst sorgen würden, wenn ich jetzt ein harmloses Erkältungsfieber entwickeln würde. Ich könnte nicht zum Hausarzt gehen, sondern müsste eine Handy-nummer anrufen. Es würde ein Krankenwagen mit Isolationseinrichtung kommen. Ich würde auf Ebola getestet.

Als ich aber auch die Promotionsfeier eines befreundeten Mediziners in Kapstadt absagen wollte, griff dieser ein: Er akzeptiere die Absage nicht. Ich solle mit meiner Anwesenheit meinen kleinen Beitrag gegen die Stigmatisierung leisten. Er hat es nicht gesagt, aber es schwang der Unterton mit: Trage bitte mit Deinem übertrieben vorsichtigem Verhalten nicht zu der aktuellen Hysterie bei. Damit schadest Du auch Medizinern, die nach weit belastenderen Einsätzen als dem deinen in die Heimat zurückkehren, manchmal nur für einige Wochen, bis zum nächsten Einsatz in der Krisenregion. Von ihnen grundlos die Isolierung zu verlangen, wäre unmenschlich.

Die Debatte dazu wird nach der Ebola-Infektion des Arztes in New York auch in Deutschland beginnen. Bislang agieren die Behörden eher unkoordiniert: Die Ärztin Sabine Kirchner aus Stollberg im Erzgebirge half in Liberia in Diensten von Humedica bei der Behandlung von Ebola-Kranken. Die Sicherheitsstandards von derartigen Hilfsorganisationen sind enorm hoch. Kirchner hatte weder Sicherheitslücken noch Symptome. Die Behörden in Stollberg aber erteilten ihr noch vor der Rückkehr Tätigkeitsverbot, drei Wochen dürfe sie ihre Praxis nicht betreiben, berichtete „Focus Online“. Bei Zuwiderhandlung drohe die Schließung.

Die Panik in Europa wirkt umso übertriebener, wenn man bedenkt, dass auf einfache und sinnvolle Sicherheitsmaßnahmen verzichtet wird. So ist zum Beispiel die Strecke Monrovia–Brüssel eine der wenigen verbliebenen Flugrouten aus den von Ebola betroffenen Ländern. Zwar wird am Flughafen Monrovia die Temperatur der Passagiere mehrmals geprüft. Wer erhöhte Temperatur hat, darf nicht an Bord. Bei der Ankunft in Brüssel aber gibt es diese einfachste aller Kontrollen nicht.

Angesichts derartiger Episoden in Europa fällt es schwer, sich über die Amerikaner lustig zu machen. Dort grassiert derzeit die Angst vor allem Afrikanischem. Für New York und New Jersey wurden jetzt etwa neue Quarantänevorschriften erlassen. Alle Reisenden aus den Krisengebieten, die mit Ebola-Patienten in Kontakt waren, müssen sich künftig für 21 Tage in Quarantäne begeben. Reisende aus den betroffenen westafrikanischen Ländern werden bei der Ankunft an US-Flughäfen auf Fieber und andere Ebola-Symptome untersucht. Inzwischen sind laut jüngster Zahlen der Weltgesundheitsorganisation mehr als 10.000 Menschen infiziert. 4922 starben, darunter ein zweijähriges Mädchen aus Mali.

Trotz dieser Zahlen war die Reaktion meines Umfelds meist verständnisvoll, zumal sich die meisten unabhängig von mir mit der Epidemie und ihren Verbreitungswegen beschäftigt haben. Ich bin zur Party gegangen. Dass ich dort niemandem die Hand gegeben habe, lag nicht an den Gästen, zu denen auch viele meiner Freunde gehörten. Sondern an meiner Paranoia. Nur ein Bekannter fragte skeptisch, ob ich wirklich ausschließen könne, dass niemand anderes meine Gabel benutzt habe. Die fehlende Ansteckungsgefahr bei fehlenden Symptomen konnte er nicht so recht glauben. Und mein Tennispartner weigert sich derzeit, mit mir zu spielen. Es ist recht aufschlussreich, das Thema Stigmatisierungeinmal selbst zu erleben. Zumindest vorübergehend.