Urteil

Vom Weltstar zum Häftling

Richterin verurteilt Pistorius wegen fahrlässiger Tötung zu fünf Jahren Haft. Schon nach zehn Monaten aber könnte er wieder zu Hause sein

– Der südafrikanische Sprintstar Oscar Pistorius ist wegen der tödlichen Schüsse auf seine Freundin Reeva Steenkamp zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Der 27-Jährige habe bei seiner Tat grob fahrlässig gehandelt, befand Richterin Thokozile Masipa am Dienstag in Pretoria. Pistorius akzeptiere das Urteil, sagte sein Onkel Arnold: „Oscar wird diese Möglichkeit nutzen, um der Gesellschaft etwas zurückzugeben.“ Die Familie sei bereit, den Sportler zu unterstützen und anzuleiten.

Auch Barry Steenkamp, der Vater des Opfers, zeigte sich zufrieden mit dem Strafmaß. „Wir haben das Gefühl, dies nun hinter uns lassen zu können“, sagte er nach der Urteilsverkündung. Die Staatsanwaltschaft will hingegen die Möglichkeiten einer Berufung prüfen. Sie hat damit nun bis zu zwei Wochen Zeit.

Gericht glaubt Pistorius’ Aussage

Pistorius hatte seine Freundin Reeva Steenkamp in den frühen Morgenstunden des 14. Februar 2013 durch die geschlossene Toilettentür seiner Villa erschossen – weil er dort nach eigenen Angaben einen Einbrecher vermutete und Panik bekam. Die beiden waren damals gerade mal drei Monate zusammen. Sie galten als Glamourpaar schlechthin – der an den Unterschenkeln amputierte Ausnahmesportler, der sich durch seine Behinderung nicht davon abbringen ließ, bei den regulären Olympischen Spielen in London anzutreten, und das blonde Model mit Jura-Abschluss, das sich für missbrauchte Frauen einsetzte.

Das Gericht glaubte der Aussage des Sportlers über die Vorgänge in der Valentinsnacht vor 20 Monaten. Pistorius habe allerdings grob fahrlässig gehandelt – auch wenn er hinter der Toilettentür nicht seine Freundin, sondern einen Einbrecher vermutet hatte, betonte die Richterin in der Urteilsbegründung. Damit habe er den Tod eines Menschen leichtfertig in Kauf genommen. „Hausarrest wäre nicht angemessen“, sagte Masipa. Sie hatte Pistorius am 12. September lediglich der fahrlässigen Tötung schuldig befunden. Dafür hätte sie nach südafrikanischem Recht sogar eine Höchststrafe von 15 Jahren verhängen können.

Zusätzlich verurteilte die Richterin Pistorius zu drei Jahren Haft, weil er mehrere Wochen vor den vier tödlichen Schüssen auf Reeva Steenkamp seine Waffe fahrlässig in einem Restaurant abgefeuert hatte. Dieses Urteil wurde für fünf Jahre auf Bewährung ausgesetzt.

Oscar Pistorius, der sich im Verfahren immer sehr mitgenommen gezeigt hatte, nahm sein Urteil ohne Tränen und mit unbewegter Miene entgegen – so, als habe er bereits mit einer Haft gerechnet. Die Strafe soll der 27-Jährige im Zentralgefängnis von Pretoria verbüßen. Doch in zehn Monaten könnte er bei guter Führung wieder zu Hause sein: Schon nach Verbüßung eines Sechstels der Strafe kann er nach Aussage von Rechtsexperten beantragen, den Rest in Hausarrest umzuwandeln.

Ein Sprecher der Nationalen Strafverfolgungsbehörde betonte jedoch, es werde geprüft, ob Pistorius nicht doch wegen Mordes verurteilt werden müsste. Die Frauenliga des regierenden Afrikanischen Nationalkongress (ANCWL) kritisierte das Strafmaß. „Wir waren nie einverstanden damit, dass Pistorius nur wegen fahrlässiger Tötung belangt wird. Und wir fordern die Staatsanwaltschaft auf, Berufung einzulegen“, sagte ANCWL-Sprecherin Jacqui Mofokeng.

Die Anklage hatte eine mindestens zehnjährige Haftstrafe verlangt. Die Verteidigung hatte gefordert, dem Behindertensportler wegen aufrichtiger Reue das Gefängnis zu ersparen und ihm lediglich Hausarrest aufzuerlegen. Pistorius habe alles verloren – seine Lebensgefährtin, seine Freunde, sein Vermögen und seine Karriere.

„Kein Gesetz für Reiche“

Auch das Argument der Verteidigung, der 27-Jährige sei wegen seiner Behinderung in einem Gefängnis besonders gefährdet, wies die Richterin zurück. „Ja, der Angeklagte ist verletzlich, aber er hat exzellente Fähigkeiten damit umzugehen“, sagte Thokozile Masipa unter Anspielung auf dessen Karriere als Leichtathlet. Südafrikas Haftanstalten seien darüber hinaus durchaus in der Lage, Pistorius trotz seiner Behinderung und seines Bedarfs an psychologischem Beistand angemessen unterzubringen. „Es wäre ein trauriger Tag, wenn der Eindruck entstünde, dass es ein Gesetz für die Armen und eines für die Reichen und Berühmten gibt“, sagte Masipa.

Nach seiner Verurteilung ist Oscar Pistorius für die gesamte Zeit seiner Haftstrafe von den Paralympics ausgeschlossen. Selbst wenn diese in Hausarrest umgewandelt würde, bleibe er fünf Jahre lang gesperrt, sagte ein Sprecher des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC) am Dienstag in Bonn. Die Paralympics in Rio de Janeiro in zwei Jahren würde Pistorius damit verpassen. Er hatte schon bei drei Paralympischen Spielen Goldmedaillen gewonnen.

Für Furore sorgte er, als er bei den Olympischen Sommerspielen 2012 in London als erster behinderter Sportler mit seinen Kohlefaserprothesen ins 400-Meter-Halbfinale der unversehrten Sprinter einzog.