Fehleinschätzung

Neuer Ebola-Fall schockiert Amerika

Die Behörden wussten, dass das Virus eingeschleppt werden könnte. Doch sie haben die Gefahr ignoriert und sind schlecht vorbereitet

Amerika wachte am Mittwoch mit der Schreckensnachricht auf, die jeder befürchtet hatte. Eine zweite Krankenschwester am Texas Health Presbyterian Hospital in Dallas, der den Ausgangspatienten versorgt hatte, wurde in vorläufigen Tests positiv auf Ebola getestet. Das teilte die Seuchenschutzbehörde CDC mit. Auch sie hat den Liberianer Eric Duncan versorgt, der kurz nach der Einreise aus seiner Heimat Ebola-Symptome zeigte und am 8. Oktober an Ebola starb. Wie zudem bekannt wurde, war die Krankenschwester am Dienstag – ohne Symptome – mit dem Flugzeug von Cleveland nach Dallas unterwegs. Nun sollen alle 132 Passagiere befragt werden.

Erst am Sonnabend war die Krankenschwester Nina Pham positiv getestet worden. Die 26-Jährige ist die mutmaßlich erste Person, die sich in den USA mit Ebola infiziert hat. Pham immerhin hatte sich am Dienstag mit einer zuversichtlichen Botschaft an die Öffentlichkeit gewandt. In einer Erklärung ließ die junge Frau wissen, es gehe ihr gut, sie sei zuversichtlich. Die Klinikleitung bestätigte, dass Pham in stabiler Verfassung sei. Wie es dem neuen Ebola-Patienten geht, wurde zunächst nicht bekannt.

Amerika erlebt schwierige Tage. Da ist die unheimliche Seuche aus dem fernen Afrika, die nun doch den Weg in die USA gefunden hat. Da sind die Versicherungen der Behörden, man habe alles unter Kontrolle. Und da sind die erschreckenden Patzer beim Umgang mit den Ebola-Fällen, die Zweifel erwecken. Fernsehen und Zeitungen zeigen seit Tagen Bilder aus US-Straßenzügen, in denen Seuchenbekämpfer in weißen Schutzanzügen Wohnungen abriegeln. Die Medien machen mit Grafiken auf. „Heute: 10.000 bis 15.000 Menschen müssen in speziellen Einrichtungen behandelt werden. In einem Monat: Zwischen 45.000 bis 50.000. In zwei Monaten: Über 100.000“, informierte die „Washington Post“.

Viele kritische Fragen

Fachleute „wissen, wie Ebola zu stoppen ist“, sagt zwar CDC-Direktor Tom Frieden. Aber die offenkundigen Fehler, die bislang im Umgang mit Ebola gemacht worden sind, lassen in der Bevölkerung Zweifel an dieser Botschaft wachsen. Die Amerikaner verfallen nicht in Panik, doch sie haben viele drängende Fragen. Vor allem: Warum wurde Duncan nach Hause geschickt, als er sich fünf Tage nach seiner Ankunft in Dallas mit Fiebersymptomen erstmals im Health Presbyterian Hospital gemeldet und bei der Aufnahme richtigerweise angegeben hat, dass er gerade aus Liberia gekommen sei? Warum wurde nach der verspäteten Feststellung seiner Erkrankung bei einer zweiten Einlieferung ins Krankenhaus das Haus der Verwandten, bei denen er gewohnt hatte, nicht sofort von Spezialisten gesichert?

Warum schließlich fand sich der Name von Nina Pham nicht auf der Liste der 46 Krankenhausangestellten, die wegen des direkten Umgangs mit Duncan speziellen Untersuchungen unterzogen wurden? Infizierten sich beide Krankenschwestern auf dieselbe Art oder gibt es unterschiedliche Sicherheitslücken? Pham habe stets die vorgeschriebene Ganzkörperschutzkleidung samt Maske und Gesichtsschutz sowie Wegwerfhandschuhe getragen, versichert die Krankenhausleitung. Da sie sich aber gleichwohl infiziert hat, sind nur zwei Schlussfolgerungen möglich: Entweder hat sie an zumindest einer Stelle die Vorschriften unterlaufen oder diese reichen nicht aus.

Beim Umgang mit Duncan wurden auch dann noch gravierende Fehler gemacht, als seine Infizierung mit dem Ebola-Virus endlich feststand, sagten Vertreter des Pflegepersonals. So sei der 41 Jahre alte Liberianer mehrere Stunden in einem Bereich des Krankenhauses untergebracht worden, in dem er mit anderen Patienten und Besuchern in Kontakt geraten konnte. Zudem seien die Vorschriften für den Umgang mit dem Infizierten ständig geändert worden. Amerikas Gesundheits- und Notfallsystem ist erkennbar nicht auf Ebola eingestellt.

In Westafrika wird sich die Seuche derweil noch rascher ausbreiten als bisher, so die Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Derzeit infizierten sich etwa 1000 Menschen pro Woche, bis Dezember könnten es 5000 bis 10.000 sein. Folgerichtig hat sich etwa die deutsche Wirtschaft komplett aus den von Ebola betroffenen Ländern zurückgezogen.

Einen bescheidenen Lichtblick gibt es dennoch: In Nigeria und im Senegal ist die Epidemie fast eingedämmt. Wenn keine neuen Fälle auftreten, will die WHO am Freitag oder Montag für den Senegal und für Nigeria das Ende des Ausbruchs erklären. Dann ist die Frist von 42 Tagen seit dem letzten Krankheitsfall abgelaufen. Das entspricht der doppelten maximalen Zeit zwischen Ansteckung und ersten Symptomen.