Fernsehen

Deutschland, deine Bauern

„Bauer sucht Frau“ geht in die zehnte Staffel. Zwischen Niedersachsen und Tirol kribbelt es im Heu – und eine Nation schaut begeistert zu

Das Jahr geht langsam zu Ende. Das merkt man nicht nur daran, dass es draußen kalt und nass ist, dass es langsam immer früher dunkel wird. Jedes Jahr meldet sich RTL auch wieder mit „Bauer sucht Frau“ zurück. Und immer gibt es dabei irgendeinen kleinen Skandal, etwas Besonderes. Die erste lesbische Bäuerin, den ersten schwulen Bauern, den ersten Bauern mit vier Händen und drei Augen. Ein Bauer liebt seine Hühner ein bisschen zu sehr. Ein anderer war irgendwann mal in der NPD. Aber dieses Jahr, zur zehnten Staffel, da präsentiert Inka Bause einfach mal normale Menschen.

Inka Bause läuft also, gefühlt wie schon in den vergangenen zehn Jahre, lächelnd und mit Sonnenblumen in den Armen auf die Kamera zu. Die TV-Moderatorin ist so angezogen, dass ein Friseur- und Stylisten-Duo aus Darmstadt wohl sagen würde, ihr Outfit habe Pfiff oder Pep. Keck, würden sie auch sagen. Mintgrüne Schuhe mit einem ebenso mintgrünen Schal um den Hals und eine rote Daunenjacke um den Oberkörper. Die Haare natürlich koboldstrubbelblond. „Jetzt mach’ ich mich erst mal schnell vom Acker, um den Bauern ihre Liebespost zu bringen“, sagt Inka Bause, als der Einspieler endet.

Zehn Bauern suchen dieses Jahr also wieder eine Frau fürs Eutermelken, Mistgabeln, Heuwenden und Imdoppelbettmitritzeschmusen. Dieses Jahr mit dabei: Sebastian aus Franken. Peter aus Portugal. Rainer aus der Fränkischen Schweiz. Und so weiter eben.

Jungs, Männer und Herrschaften zwischen Anfang zwanzig und Anfang sechzig. Bereits Verwitwete suchen eine neue Liebe für den Lebensabend und Burschen. Die, die noch nie einer Frau nahe waren, hoffen, nervös errötet und sprachlos vor Aufregung, auf das erste Kribbeln. Der Straußenzüchter Sebastian schaut mit seinem Vater die Liebesbriefe an ihn durch. Die Frauen bewerben sich mit meist handgeschriebenen Briefen nebst Fotos bei den Bauern. Krakelig. In Achtklässlerinnenschrift. Herzchen hier. Herzchen da. Bause hat den Sebastian im Einspieler davor noch auf die Wange geküsst und „Hallo, mein Schatz“ gesagt.

„Die sind alle ein bisschen mollig“

Und als Betrachter fragt man sich, wie lange der Sebastian wohl nicht mehr geküsst worden ist. Und, was er jetzt wohl denkt. Und, ob er das gut findet. Oder, ob ihm das unangenehm ist. Aber dann sitzt Sebastian mit seinem Vater am Tisch. Die Stimme aus dem Off ertönt. „Ihr Aussehen trifft genau den Geschmack von Vater und Sohn.“ Vater und Sohn schauen auf die Zuschriften. Dralle Frauen haben sich beworben. Es scheint fast so, als würde der Vater, mit einem stattlichen Bauch in seinem gestreiften Sonntagshemd die größten Augen kriegen. „Die sind alle ein bisschen mollig. Das finde ich schön“, sagt er, präsentiert seine Favoriten dem Sohn, der ja eigentlich auswählen soll und strahlt bei den Worten: „Nicht richtig dick, aber mollig. Guck Dir mal Deine Mutter an.“

Das Spiel wiederholt sich von Kandidat zu Kandidat. Biobauern sind dabei. Ein Weinbauer. Ein Kerl, der eigentlich Kranführer ist, aber auch ein paar Milchkühe hat. Ein alter Hippie auf einem Aussteigerhof. Und ein echt heißer Typ aus Mittelfranken – Gunther, ein Schweinebauer, 29, Bombenfigur, smartes Lächeln, Hobby-DJ am Wochenende. Der Trick von „Bauer sucht Frau“ ist, es ist für jeden was dabei. Sowohl als Identifikationsfiguren für Bauern als Zuschauer jeglicher Couleur (erfolgreich, nicht erfolgreich, doof, klug, dick, dünn, usw.) aber auch für Nichtbauern. Der Nichtbauer als Zuschauer stellt gleichermaßen begeistert fest „ah, Mensch, so ein fescher und gescheiter Typ“ als auch „war ja klar, dass das ein Bauer ist, so deppert ist der“. Die Zuschauer können sich, so sie es möchten, selbst überhöhen. Von oben herab auf das vermeintlich niedere Bauerngesindel schauen, das gefühlt nicht zwei Meter gerade ausgehen kann und mit Untertitel gezeigt wird, wenn es spricht. Sie können die Bauern aber auch großartig finden. „Bauer sucht Frau“ taugt dieses Jahr als Abbild der deutschen Landwirtschaftsgesellschaft, so vielschichtig und klug durchmischt präsentiert RTL die neuen Kandidaten.

Vor den Werbepausen schrubbt Inka Bause mit schäumender Bürste einen roten Traktor, ehe noch eine Gewinnspielfrage kommt. 3000 Euro gibt es zu gewinnen. „Wo lernen unsere Bauern Ihre Auserwählte kennen? A – Auf dem Scheunenfest? Oder B – Auf dem Flohmarkt?“ Überfordern will RTL die Gewinnspielspieler auch dieses Jahr nicht. Der eigentliche Skandal zur zehnten Staffel „Bauer sucht Frau“ ist, es gibt keinen Skandal. Und das ist gut so. In der nächsten Folge beginnt die Hofwoche. Die Damen besuchen ihre Bauern auf ihren Höfen. Gunther wird seine Jenny im Kübelwagen im Wüstentarnmuster vom Bahnhof abholen. Und im Hintergrund singen Robbie Williams und Nicole Kidman zusammen „Something Stupid“.

Und genau das ist Deutschland.