Bilanz

Oktoberfest, mia san brutal

Vergewaltigungen, Prügeleien und Helene Fischer: Für Polizei und Retter ist die Feier eine Übung zwischen Bierseligkeit und Gewalt

Vom Himmel der Bayern bis zur Hölle sind es nur wenige Schritte. Es ist kurz vor 19 Uhr. Nach zwei Wochen geht das Münchner Oktoberfest in die Schlussphase. Im Hacker-Festzelt singen über 9000 Menschen „Atemlos“. Tanzend auf den Bänken, Bierkrüge im Anschlag. Die Hölle, die liegt 100 Meter entfernt in einem Flachbau mit Stahlfront. Hier landen jene, die zu viel getrunken haben. So wie John, der Brite mit dem akkurat gebügelten Hemd. Zwei Sanitäter stützen den Mittfünfziger, während er sich in einen Plastikeimer übergibt. Die Helfer verziehen keine Miene.

Bis zu sieben Millionen Menschen zieht es jedes Jahr auf die Theresienwiese. In Relation dazu gibt es wenige Straftaten: Bis Freitag zählte die Polizei 311 Körperverletzungen (66 weniger als 2013), 25 Maßkrugschlägereien (26 weniger) und 399 Diebstähle (98 weniger). „Wir zeigen viel Präsenz, um abzuschrecken“, sagt Polizeisprecher Wolfgang Wenger. 500 Polizisten sind im Einsatz, 19 Kameras überwachen das Gelände, Sprengstoffhunde schnüffeln jeden Tag die Zelte nach Bomben ab. Allerdings habe die Brutalität zugenommen, meint Wenger, der seit 1980 auf der Wiesn arbeitet: „Früher wurde viel mehr gerauft. Aber wenn einer am Boden lag, trat keiner mehr nach. Heute geht es bis zur schlimmsten Stufe. Aber das ist ein allgemeines gesellschaftliches Problem.“ Mit dem Bierkonsum habe das weniger zu tun: „Viele sagen: Alkohol verändert den Charakter. Ich denke aber, er zeigt das wahre Gesicht eines Menschen, indem er Hemmungen beseitigt.“

Dieses Gesicht kann auch sehr emotional sein. „Männer sind die größeren Heulsusen“, sagt eine Sanitäterin, während sie die Belegung der 15 Betten im Überwachungsraum der Station des BRK (Bayerisches Rotes Kreuz) kontrolliert. Im Minutentakt geht die Tür, werden Fahrtragen mit Betrunkenen wie John, dem Briten, hereingeschoben. Sie bleiben hier, bis sie selbstständig den Heimweg antreten können.

Die Tränen fließen

„Viele Männer werden sentimental und weinen. Frauen sind eher hysterisch, die keifen dann rum.“ So auch im Behandlungsraum nebenan. „Sie sollen mich nicht belernen“, schimpft eine zierliche Italienerin und stürmt hinaus, klaffende Wunde an der Stirn hin oder her. Polizisten müssen mehrere Minuten auf sie einreden, bis sie der Behandlung durch einen Arzt zustimmt. Mittlerweile läuft Blut ihre Wange hinab. „Gefallen“, sagt sie missmutig. Später muss sie zum Röntgen ins Krankenhaus, um eine Fraktur auszuschließen.

Die Tränen nicht zurückhalten kann dagegen eine Frau Anfang 20, die ihre bewusstlose Freundin begleitet. Beiden sei schlecht geworden, nachdem sie ein Bier getrunken hätten. Während sie erst gespuckt, sich dann aber wieder wohlgefühlt habe, sei ihre Freundin zusammengeklappt. K.-o.-Tropfen? „Die sind ein echtes Problem auf dem Oktoberfest“, sagt Julia Jäckel von der Aktion „Sichere Wiesn“. Die Einrichtung, die Tür an Tür mit dem BRK arbeitet, bietet Frauen, die sich sexuell bedrängt fühlen, eine Anlaufstelle. Opfer von K.-o.-Tropfen haben meist eine Gedächtnislücke, was Ermittlungen schwierig macht. So gab es vor ein paar Jahren den Fall, dass die Polizei bei einer Drogenrazzia Fotos einer Vergewaltigung entdeckte – erst dadurch erfuhr das Opfer, was mit ihm nach einem Oktoberfestbesuch geschehen war. „Ich kann nur dazu raten, Getränke nie aus den Augen zu lassen.“

Dieses Jahr zählte die Polizei bislang zehn Sexualdelikte – darunter auch die Vergewaltigung eines 24-jährigen Briten, der in einem Gebüsch an der Bavaria von zwei Männern überfallen wurde. Der Ort hinter den Festzelten ist berüchtigt: Hier schlafen Betrunkene ihren Rausch aus und werden trotz Polizeipräsenz und Videoüberwachung immer wieder Opfer von Diebstählen und Übergriffen.

„Bislang hatten wir 152 Frauen zur Beratung hier, meist im Alter zwischen 20 und 28 Jahren“, sagt Jäckel. Die Vorfälle reichen vom Begrapschen bis zur Vergewaltigung – mit hoher Dunkelziffer. „Die Frauen suchen häufig den Fehler bei sich, weil sie zu viel getrunken, ein zu kurzes Dirndl angehabt hätten.

Mittlerweile ist es 23.30 Uhr. Bis aufs Weinzelt und „Käfers Wiesn-Schänke“ sind alle Zelte geschlossen. 857 Patienten wurden an diesem Tag von den knapp 120 BRK-Helfern behandelt, davon 77 Alkoholvergiftungen, 75 chirurgische Wundversorgungen und 90 Transporte ins Krankenhaus. „Normaler Schichtbetrieb“, bilanziert die Einsatzleitung.