Veröffentlichung

Mein Sohn, der Massenmörder

Wie wurde Anders Breivik zum Attentäter? Sein Vater Jens hat ein Buch geschrieben – und spricht erstmals über sein Kind

Als Jens Breivik am Morgen des 23. Juli 2011 in Frankreich die Internetzeitungen durchlas, glaubte er nicht, was er sah. „Ich habe überhaupt nichts mehr kapiert.“ Aber es ist wahr. Sein Sohn verübte am Tag zuvor Norwegens schlimmstes Attentat und ermordete 77 Menschen bei einem Bombenanschlag und einem Amoklauf auf der Insel Utøya.

Über Nacht ist Jens Breivik der Vater des Staatsfeinds Nummer eins geworden. Jetzt hat der in Südfrankreich lebende Pensionär, der früher im diplomatischen Dienst arbeitete, ein Buch über das Verhältnis zu seinem Sohn geschrieben. Die norwegische Zeitung „Aftenposten“ druckt in diesen Tagen Auszüge aus den 170 Seiten langen Aufzeichnungen, die unter dem Titel „Meine Schuld? Die Geschichte eines Vaters“ veröffentlicht werden.

Eine Erklärung für Breiviks Weg zum Massenmörder kann auch der Vater nicht liefern. Der 79-jährige Ex-Diplomat berichtet vor allem von einem dysfunktionalen Familienleben. Und er reflektiert über seine Fehler, seinen Beitrag zu dem schrecklich verkorksten Leben seines Sohnes. „Ich war wütend über das, was er getan hat. Ich war verzweifelt. Und bedrückt von Trauer, wenn ich an all diese Menschen dachte, all diese schrecklichen Verluste, die sie erlitten hatten.“ Breivik berichtet von vielen schlaflosen Nächten, in denen er im Bett lag und grübelte.

„Anders ist mein Sohn. Hätte ich ihn auf andere Gedanken bringen können, wenn ich einen engeren oder besseren Kontakt zu ihm gehabt hätte? Hätte ich den Terror verhindern können?“ Im Buch bezeichnet Breivik sich und seinen Sohn als „Verlierer“, schon ab 1983, als der Vater das Sorgerecht für den Jungen vor Gericht verlor. „So, wie ich es sehe, gibt es zwei Verlierer in dieser Sache. Ich war ein Verlierer. Anders war ein Verlierer.“

Er sagt, dass es ein Schock war, als er im August 1983 einen Brief des Jugendamts erhielt, in dem er über die Verhältnisse in der Familie unterrichtet wurde, zu der er früher gehörte. Unter anderem wurde Anders’ Aufenthalt in der staatlichen Kinder- und Jugendpsychiatrie im gleichen Jahr angeführt. „Das war ganz neu für mich. Ich konnte nicht glauben, was da stand.“ Breivik ging davon aus, dass seine Ex-Frau Kontakt zu ihm aufnehmen würde, wenn etwas so Schwerwiegendes vorfallen würde. Aber dem war nicht so. Seit 1980 lebten die beiden getrennt.

„Ich musste etwas tun. Ich musste versuchen, die Verantwortung für meinen Sohn zurückzubekommen“, schreibt er. Noch im gleichen Monat nahm er Kontakt zu seiner Ex-Frau Wenche Behring Breivik auf und forderte das Sorgerecht für Anders. Der Versuch scheiterte. Die im März 2013 verstorbene Mutter behielt das Sorgerecht für den Sohn.

Die Verbindung zwischen Vater und Sohn brach 1995 abrupt ab, als Anders 16 Jahre alt war. „Er hat mich aus seinem Leben gleichsam entfernt. Ich hätte mehr tun können, ich sehe das ein“, schreibt Jens Breivik. „Ich habe zu einfach akzeptiert, dass er seine eigenen Wege gehen wollte.“

Im Jahr 2006 gab es Breivik zufolge einen Versuch von Anders, Kontakt zu ihm aufzunehmen – das erste Mal seit zehn Jahren. Es blieb bei einem kurzen Gespräch. Der Vater gewann den Eindruck, dass er „eine zufriedene Person“ gesprochen habe, die einen „zufriedenstellenden Platz in der Gesellschaft gefunden“ habe.

Allerdings sagt er auch: „Ich habe mir seine Telefonnummer nicht aufgeschrieben.“ Das erste Mal, dass er nach diesem Treffen etwas hörte, war ein Brief aus dem Gefängnis. Ende Oktober 2013 rief Jens Breivik im Gefängnis an und teilte mit, dass er seinen Sohn besuchen wolle. Anders Behring Breivik wollte seinem Vater aber vorher einen Brief schicken.

In seinem Buch gibt Jens Breivik beinahe den vollständigen Brief wieder. Die Lektüre dürfte für ihn nicht einfach gewesen sein. Von Reue, Einsicht oder Umkehr ist bei Breivik keine Spur zu lesen. Gleich zu Anfang verzichtet der Sohn auf jegliches Erbe, das ihm eventuell zustehen würde. Gleichzeitig schreibt er, dass dies wohl der letzte Brief sei, den er seinem Vater überhaupt schreiben wird.

Dann prasseln Beschimpfungen auf Jens Breivik nieder: „Wir wissen inzwischen beide, dass du eine Person bist und bleibst, die so weit von Nationalismus entfernt sein kann, wie es nur möglich ist. Deine Reaktionen deuten darauf hin, dass Du eine unglaublich schwache und feige Person bist oder dass Du tatsächlich ein loyaler Anhänger der sozialdemokratischen und/oder liberalistischen Ideologie bist.“