Schreibkultur

Alle lieben die Postkarte

Bei Urlaubsgrüßen sehen die Deutschen keine Alternative zur guten alten Ansichtskarte

Es gibt sie noch: bunte Hochglanz-Postkarten mit Ansichten von der Copacabana oder vom Big Ben. Auf der Rückseite handgeschriebene Zeilen. Botschaften aus dem Urlaub, die etwa lauten: „Wunderschön hier! Sonne, Strand, Meer, 30 Grad im Schatten, tolles Essen. Feriengrüße schickt …“ Oder: „Coole Clubs! Jede Nacht Party. Schlafe später. Euer …“

Der Text spielt eigentlich keine Rolle. Es ist die Geste, die zählt. Die Zeit, die Arbeit, die Liebe, alles, um dem Empfänger eine Freude zu bereiten. Das macht die Postkarte aus. Dabei ist die Postkarte eigentlich ein postalisches Auslaufmodell, wenn auch eines mit immer noch beachtlicher Fangemeinde. Die Zahl der beförderten Karten nahm nach Auskunft der Deutschen Post von 193 Millionen im Jahr 2008 auf 151 Millionen im vergangenen Jahr ab. Trotzdem versenden immer noch 52 Prozent der Deutschen ihre Urlaubsgrüße per Postkarte.

Zwar drückt der moderne Mensch gern auf den Auslöser der Kamera seines Smartphones, macht ein Foto vom Urlaubsmotiv und schickt das Bild per Mail oder Messenger an die Daheimgebliebenen. Unter den Apps zur Bildbearbeitung ist oft eine besondere Funktion: Sie verwandelt das Ferienfoto in eine nostalgische Postkarte, inklusive Patina und rot-weiß-blauem Luftpoststreifen. Doch die Ansichtskarte ist nach wie vor etwas Besonderes, fast eine Pflicht für liebe Freunde und Verwandte. Denn gegenüber Ferien-Mails und -SMS genießen sie eine größere Wertschätzung. Postkarten sind toll, denn sie verweilen in der Regel länger beim Empfänger. „Wer heftet sich schon eine SMS oder ein Facebook-Posting an den Kühlschrank?“, sagt Post-Sprecher Alexander Edenhofer.

Die Postkarte ist also anders. Über sie freut sich der Adressat sogar, wenn der Schreiber längst aus dem Urlaub zurück ist. Und man fragt sich, was es mit den Tropfen auf der Karte auf sich hat. Hat sie etwa einige Spritzer Meerwasser abbekommen? Oder sind es Spuren einer Piña Colada, die der Barkeeper einer Strandbar aus Versehen auf der Karte verteilt hat? Offensichtlich findet nicht nur James Blunt, der gerade einen Welthit hat, dass „Postcards“ etwas romantisch sind. Der Empfänger träumt sich, sei es nur für wenige Sekunden, an ein entferntes, exotisches Ziel. Das Betrachten einer Postkarte ist eine Art Mini-Urlaub, sagt Günter Formery, Autor des Buchs „Die Welt des Ansichtskartensammelns“.

Um aber auch dem Zeitgeist entgegen zu kommen, hat sich die Post ein Mischding zwischen analoger und digitaler Post ausgedacht, die „Funcard“: Dabei können Kunden Vorlagen nutzen oder ihr eigenes Bild importieren. Die Post druckt, frankiert und liefert die Karte dann an den Empfänger.

Die alte Postkarte hat manchmal auch mehr als romantischen Wert. 2002 versteigerte ein Londoner Auktionshaus die bislang teuerste Postkarte aller Zeiten für umgerechnet 50.000 Euro. Es handelte sich sich um ein handgemaltes, humoristisches Motiv aus dem Jahre 1840. Das Porto bezahlte der Absender einst allerdings nicht mit einer x-beliebigen Briefmarke, sondern mit der Penny-Black-Marke – der ersten Briefmarke überhaupt.