Prozess

Ein aufwühlendes Urteil

Oscar Pistorius wegen fahrlässiger Tötung schuldig gesprochen. Sportler bleibt gegen Kaution in Freiheit

Die Spannung war mit Händen zu greifen, als Richterin Thokozile Masipa ihr Urteil gegen Oscar Pistorius sprach. „Schuldig der fahrlässigen Tötung“, entschied die 66-Jährige am Freitag. Für den 27-jährigen Paralympicsstar hätte der Prozess weit dramatischer ausgehen können, dennoch droht ihm im schlimmsten Fall eine langjährige Gefängnisstrafe. Der eigentliche Verlierer des Prozesses ist aber Chefankläger Gerrie Nel. Die Ausführungen der Richterin kamen einer Demontage der Staatsanwaltschaft gleich.

Kopfschütteln im Gerichtssaal

Mehrmals bezweifelte Masipa mit scharfen Worten die Glaubwürdigkeit von Zeugen der Anklage. Nel sei es zudem nicht gelungen, zweifelsfrei zu beweisen, dass Pistorius in der Nacht zum Valentinstag 2013 kaltblütig seine Freundin Reeva Steenkamp töten wollte. Nachlässig, fahrlässig habe er gehandelt – das ja. Aber ein Mörder sei er nicht. Im zum Bersten gefüllten Gerichtssaal schüttelten viele den Kopf.

Die Staatsanwaltschaft sei enttäuscht, respektiere aber die Entscheidung des Gerichts, hieß es in einer Mitteilung. „Aber erst, nachdem das Strafmaß feststeht, können wir unsere Möglichkeiten abwägen und schauen, ob es weitere Schritte geben kann“, sagte der Sprecher der Behörde Nathi Mncube. Berufung legt in Südafrika normalerweise nur die Verteidigung ein, jedoch hat auch die Anklage dazu die Möglichkeit, wenn sie einen Verfahrensfehler vermutet.

Bei der Bekanntgabe des Urteils ging ein Raunen durch den Saal. Pistorius wirkte ruhig und schien sich auch vor der Richterin zu verbeugen. Schock auf der einen Seite und Erleichterung auf der anderen, die Emotionen waren fast zum Greifen.

Steenkamps Eltern Barry und June trugen die Entscheidung unterdessen sehr gefasst. Der Vater verließ den Gerichtssaal schon nach wenigen Minuten mit hängenden Schultern, nachdem Chefankläger Gerrie Nel kurz Blickkontakt mit ihm gesucht hatte – fast, als wolle er sich bei ihm für seine offensichtlich wenig brillante Leistung vor Gericht entschuldigen. Die Mutter nahm eine schluchzende Angehörige tröstend in den Arm und flüsterte ihr zu „Du musst nicht weinen! Du musst nicht weinen!“

Nach der Mittagspause musste die Anklage eine erneute Niederlage hinnehmen: Sie hatte gefordert, Pistorius ins Gefängnis zu stecken, bis ab dem 13. Oktober das Strafmaß festgelegt werden soll. Es bestehe Fluchtgefahr, so die Argumentation. Das sah Masipa anders und folgte der Bitte von Verteidiger Barry Roux, seinen Mandanten wieder auf Kaution in das Haus seines Onkels zu entlassen.

„Das Urteil hat eine große Last von unseren Schultern genommen. Wir hatten nie einen Zweifel an Oscars Version der Ereignisse“, betonte Arnold Pistorius. „Das wird Reeva nicht zurückbringen, aber unsere Gedanken sind bei ihrer Familie und ihren Freunden.“ Der Andrang von herbeistürmenden Schaulustigen und Journalisten vor dem Gericht war so groß, dass Pistorius trotz Polizeischutzes Mühe hatte, sein Auto zu erreichen. Sein Gesichtsausdruck wirkte weitaus gelöster als noch am Vortag, als er von einem Weinkrampf geschüttelt wurde.

Aber zahlreiche Südafrikaner sind wütend über die Milde der Richterin. „Das Urteil zeigt eins ganz deutlich: Wenn jemand in diesem Land Geld hat, dann steht er über dem Gesetz“, ärgerte sich Jason Fernandes aus Johannesburg. „Wenn Oscar so arm wäre wie alle anderen, dann wäre er des Mordes für schuldig befunden worden“, sagte der 33-Jährige . Tandi Botha, 27, die vor dem Gericht in Pretoria auf das Urteil wartete, ist überzeugt, dass die Entscheidung anderen Männern eine Rechtfertigung für Gewalt an Frauen geben könnte. „Missbrauch an Frauen ist ein großes Problem in Südafrika“, sagte sie verstimmt. „Jetzt können Männer ihre Freundinnen erschießen und erklären, sie hätten gedacht, es sei ein Einbrecher im Haus – und schon werden sie vom Vorwurf des Mordes freigesprochen.“ Das sei ein schlechter Präzedenzfall.

Pistorius hatte die Tat damit begründet, dass er im Badezimmer einen Verbrecher vermutet habe und um sein Leben fürchtete. Die Richterin glaubte dieser Version, auch weil der beinamputierte Sportler selbst die Hilfskräfte alarmiert und sie angefleht hatte, Steenkamps Leben zu retten. Jedoch warf sie ihm vor, übereilt gehandelt zu haben. Statt per Handy die Sicherheitskräfte zu informieren oder vom Balkon um Hilfe zu schreien, habe er gleich zur Waffe gegriffen, monierte sie.

„Seltsame Entscheidung"

Das Urteil sei sehr umstritten, meinte der südafrikanische Strafrechtler Lovell Fernandez. „Selbst Juristen finden die Entscheidung seltsam. Es scheint überraschend, dass die Richterin dazu bereit war, Oscars Version vom Tathergang zu glauben, obwohl sie ihn zuvor als schlechten Zeugen kritisiert hatte.“ Für den Anwalt Keith Gess ist der Ausgang des Verfahrens „das Beste, auf das Pistorius hoffen konnte“.

Wenn er Glück hat, dann könnte der Sportler sogar nach wenigen Jahren wieder in Freiheit sein – oder gar zu einer Bewährungsstrafe verurteilt werden, meinen Experten. Seine Karriere als Sprinter ist aber wohl dennoch am Ende – und sein Status als beliebtes Sportidol in Südafrika ist ohnehin schon lang zerstört.