Gewalt

Krieg in der Kleingartenkolonie

Im Streit um Rasenmäherlärm soll ein 61-Jähriger seinen Nachbarn erschossen haben. Vor Gericht will er dies als Unfall bewertet wissen

Es war, als ob zwei Züge auf demselben Gleis aufeinander zurasten, ohne dass einer der Lokführer gewillt war, auszuweichen. Bis es, schier unvermeidlich, zum großen Knall kam. Und einer von beiden tot war.

Zwei Nachbarn in einer begehrten Schrebergartenanlage können sich nicht leiden, gehen sich auf die Nerven, provozieren sich kampfeslustig und ohne Unterlass wechselseitig mit Radiolärm, Grillgeruch, laufender Kreissäge, Traktorengeräuschen. Immer wieder wird die Polizei gerufen, Anwälte werden bemüht, es kommt zu Handgreiflichkeiten und diversen Prozessen. Weit über ein Dutzend Mal sollen sich die beiden angezeigt haben. Schließlich fiel am 7. März gegen 14 Uhr in der Trierer Schrebergartenkolonie „Vor Plein“ ein Schuss: Ein Streit über den Gartenzaun hinweg hat im März das Leben des 68-Jährigen Günter H. gefordert. Ein Rentner, 61 Jahre alt, hatte ihm mit einem abgesägten Kleinkalibergewehr in die Brust geschossen, als sich H. über Rasenmäherlärm erregt hatte, auf das Grundstück des 61-Jährigen gestürmt war und mit einer Latte auf einen Rasenmäher eindrosch.

Es klingt nach einem absurd nichtigen Anlass, und doch liegt ein menschliches Drama zugrunde, wie es sich täglich Abertausende Male zwischen Nachbarn abspielen dürfte, nur glücklicherweise selten mit derart tragischem Ende. Zaun an Zaun, in gegenseitiger Abneigung verbunden, erregt über die Geräusche, die der andere produziert, diese Situation birgt Sprengstoff.

Bis zu 15 Jahren Haft drohen

Angeklagt, den 68-jährigen Günter H. erschossen und sich daher des Totschlags schuldig gemacht zu haben, ist Eduard E., 61, ehemaliger Maurer aus Trier. Ihm drohen bis zu 15 Jahren Haft wegen Totschlags, zumal er schon eine zehnmonatige Bewährungsstrafe auf dem Konto hat – wegen Körperverletzung von H., den er schließlich erschoss. E. wollte sich nicht persönlich äußern, ließ aber seinen Anwalt eine Erklärung verlesen. „Ich bin kein Mann der großen Worte, ich kann mich mit Worten schlecht verständigen“, so beginnt die Einlassung. Darin, so wird womöglich der psychiatrische Gutachter gedacht haben, der E. im Auftrag des Gerichts beobachten soll, dürfte schon eines der zentralen Probleme in diesem Fall gelegen haben. Wer mit Worten nicht handeln kann, tut es auf andere, womöglich fatale Weise. E. hat 2011 einmal große Pflasterverbundstein gegen H.s Kopf geworfen, als die beiden wieder mal gestritten hatten. Damals war er zu zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden.

E.s Anwalt hatte die Erklärung unter anderem mit den Worten angekündigt, der Beschuldigte stehe dazu, einem Menschen das Leben genommen zu haben. In der Einlassung hörte sich das indes anders an. Es tue ihm unendlich leid, was geschehen sei, heißt es zwar. Doch E. will das Ganze als unglückliche Fügung, als Unfall und Selbstverteidigung bewertet wissen. Er habe seinen Nachbarn nicht töten, nicht einmal verletzen, sondern nur seine Ruhe haben wollen. „Ich wollte, dass er mein Grundstück verlässt.“ Er habe sogar selbst große Angst um sein Leben gehabt, als H. mit einem zwei Meter langen Kantholz heranstürmt sei und gebrüllt habe: „Du Bastard, jetzt schlag ich dich tot.“ Er, E., habe dann sein Gewehr aus dem Häuschen geholt, das er besitze, seit es ihm sein Vater vor 45 Jahren schenkte. Damit räumte E. mal eben nebenbei den Vorwurf des illegalen Waffenerwerbs aus, denn eine Erlaubnis für die Waffe hat er nicht, aber bis in den Siebzigerjahren konnte solch ein Kleinkalibergewehr von jedem gekauft werden. Er habe noch nie geschossen und es auch dieses Mal nicht absichtlich getan, so die Darstellung. Der Schuss habe sich „gelöst“, als er zurückgewichen sei vor dem heranstürmenden Nachbarn. Und auch für die Tatsache, dass er das Gewehr, in das nur eine Patrone passt, gleich noch mal nachlud, hatte E. eine Erklärung parat. G. habe „Bernd, hilf mir“ gerufen und damit einen weiteren Nachbarn namens W. gemeint. „Da dachte ich, der H. und der W., die machen dich fertig.“

Die Ehefrau des Toten und seine zwei Kinder sind Nebenkläger im Prozess. Es sei „ungeheuerlich“, wie die Tatsachen verdreht worden seien, soll der Sohn seinem Anwalt zufolge die Erklärung kommentiert haben. Die Schwurkammer hat vier Verhandlungstage angesetzt, um selbst zu einer Einschätzung zu kommen.