Aufstand

Tote und Verletzte bei Gefängnisrevolte in Brasilien

Häftlinge überwältigen Sicherheitskräfte und töten Geiseln. Hintergrund könnte ein Kampf rivalisierender Drogenbanden sein

Häftlinge haben in einem Gefängnis in Brasilien eine Meuterei gestartet und dabei mindestens vier ihrer Mitgefangenen getötet. Zwei der Opfer seien geköpft worden und zwei weitere vom Dach der Haftanstalt von Cascavel im Bundesstaat Paraná gestoßen worden, berichtete das Nachrichtenportal „G1“ am Montag. Die Meuterer hielten zudem zwei Wärter in ihrer Gewalt. Die Aufständischen forderten bessere Haftbedingungen.

Etwa 800 der über 1000 Insassen hätten am Sonntagmorgen die Kontrolle über das Gefängnis übernommen. Eine Gruppe von Insassen habe zunächst sechs Mitgefangene in ihre Gewalt gebracht, sagte der Sprecher der Stadtverwaltung, Elson Faxina. Die Meuterer hätten vier der Geiseln getötet und zwei weitere verletzt, hieß es. Zudem hätten sie zwei Wärter als Geiseln genommen. „Ihre Forderungen betreffen die Einrichtung, es ist ein älteres Gebäude, und sie verlangen nach Essen“, sagte Faxina. Möglicherweise stecke aber auch ein Kampf zwischen Drogenbanden hinter der Meuterei. „Die Tatsache, dass Gefangene Geiseln genommen haben, erhärtet die Vermutung.“ Nach Angaben Faxinas sind derzeit 1140 Häftlinge in dem Gefängnis untergebracht.

Dem Sprecher zufolge befanden sich am Sonntagabend 60 Prozent der Haftanstalt in der Gewalt der Meuterer. In der Einrichtung seien Wasser und Strom abgestellt worden. Außerdem werde das Gefängnis von Polizisten bewacht, um eine Ausweitung der Meuterei zu verhindern. Örtlichen Medienberichten zufolge wurden 77 Gefangene ausquartiert, weil sie von den Meuterern bedroht wurden.

Verhandlungen fortgesetzt

Vertreter des Justizministeriums von Paraná setzten am Montagmorgen die Verhandlungen mit den Häftlingen fort. Während der Nacht zum Montag wurden zudem in Cascavel ein Bus und ein Auto in Brand gesetzt. Es sei unklar, ob diese Brandanschläge in Verbindung mit der Meuterei stünden, berichtete „G1“ unter Berufung auf Polizeiangaben. Hinter der Meuterei steckt offenbar die kriminelle Organisation Primeiro Comando da Capital (PCC), wie die Zeitung „Folha de São Paulo“ berichtete. Das Verbrechersyndikat aus São Paulo gilt als eine der mächtigsten Gangs des Landes und hat schon mehrfach blutige Gefängnisrevolten angezettelt.

Geiseln vom Dach gestoßen

Der Polizist Miguel Llanela hatte zuvor gesagt, eine Gruppe Gefangener habe am Sonntag beim Frühstück rebelliert und zwei Wärter als Geiseln genommen. „Dann haben sie zwei Häftlinge geköpft.“ Laut einem Bericht des Nachrichten-Portals „G1“ wurden die beiden anderen Häftlinge getötet, indem sie vom Dach eines Gebäudes gestoßen wurden. Zu Dutzenden sollen die vermummten Insassen auf das Dach des Gebäudes geklettert sein. Auf TV-Bildern örtlicher Sender war zu sehen, wie sie auf mit Seilen gefesselte Männer einprügelten. Ein Anwalt der Gewerkschaft der Gefängniswärter, Jairo Ferreira, sagte, die Insassen hätten den abgetrennten Kopf eines der Opfer auf den Schoß eines Wärters gelegt, der später freigelassen wurde.

Vertreter der Strafvollzugsbehörden sagten „G1“, die Gefangenen hätten gemeutert, um besseres Essen und saubere Unterkünfte zu erzwingen. Die Gewerkschaft der Gefängnisangestellten erklärte, aufgrund von Geldproblemen werde die Einrichtung nicht ausreichend instand gehalten. „Die Gefangenen klagen über schlechtes Essen, es gibt keine Anwälte, die ihre Prozesse vorbereiten, keine grundlegenden Hygieneartikel, zu wenig Justizvollzugsbeamte“, erklärte die Gewerkschaft. „All diese Faktoren zusammen mussten zu einer Tragödie führen.“

In Brasilien sitzen derzeit knapp 550.000 Menschen in Gefängnissen. Laut der Organisation Conectas, die sich für die Rechte Gefangener einsetzt, werden zusätzliche 207.000 Plätze benötigt, um Überfüllungen zu verhindern. Wegen der schlechten Haftbedingungen kommt es in Brasiliens Haftanstalten immer wieder zu Aufständen. Erst im Mai hatte es im Nordosten des Landes eine Gefängnismeuterei gegeben, bei der vier Wärter und mehr als hundert Besucher von Insassen als Geiseln genommen wurden. Der Aufstand konnte durch die Verlegung von 16 Insassen in andere Haftanstalten beendet werden.