Seuche

Die unterschätzte Epidemie

WHO: Viele Ebola-Fälle werden nicht gemeldet. Entwarnung nach Verdachtsfall in Frankfurt

Die Ebola-Epidemie in Westafrika könnte schlimmer sein als bisher angenommen. Mitarbeiter hätten in den betroffenen Gebieten Hinweise dafür gefunden, dass das Ausmaß des Ausbruchs deutlich über den bislang bekannten Zahlen zu Krankheitsfällen und Opfern liege. Die Zahl der Toten ist nach Angaben der WHO auf 1145 gestiegen. Insgesamt seien 2127 Fälle in Guinea, Sierra Leone, Liberia und Nigeria registriert worden, teilte die UN-Behörde am Freitag mit.

Von dem Ausbruch sind vielfach sehr abgelegene Gebiete betroffen, in denen es kein effizientes Meldesystem gibt. Zudem stehen viele Menschen den Ärzten skeptisch gegenüber. Oft werden erkrankte Angehörige versteckt, um sie vor einem Transport zu Quarantänestationen zu bewahren – so tauchen sie nicht in den offiziellen Listen auf.

Noch ist unklar, ob dies auch für Afrikas bevölkerungsreichstes Land Nigeria gilt. Dort wurde ein weiterer Ebola-Fall bestätigt: Ein Arzt habe sich mit dem Virus angesteckt, sagte Gesundheitsminister Onyebuchi Chukwu. Damit erhöht sich die Zahl der erfassten Infizierten in dem Land auf elf. Vier davon sind gestorben. Acht Infizierte sind in Quarantäne, der Zustand von mehr als der Hälfte von ihnen bessere sich. Derzeit stünden in Nigeria 169 Menschen wegen Ebola-Verdachts unter Beobachtung, die meisten in Lagos.

Präsident Goodluck Jonathan griff zu einer drastischen Maßnahme, um einem seit fast sieben Wochen dauernden Streik des medizinischen Personals für höhere Gehälter Einhalt zu gebieten: Der Staatschef ordnete die Entlassung von 16.000 Ärzten an. Dies gehe aus einer internen Mitteilung an das Gesundheitsministerium hervor, berichtete die Zeitung „Premium Times“. Das Ministerium könne nun andere Mediziner für die Behandlung von Patienten einstellen.

Welche Folgen eine Ausbreitung von Ebola für Nigeria haben könnte, zeigt das Beispiel des viel kleineren Landes Liberia: Die Notfall-Koordinatorin von Ärzte ohne Grenzen in Liberia, Lindis Hurum, bezeichnete die Situation in der Hauptstadt Monrovia als „katastrophal“. Berichten zufolge hätten sich in den vergangenen Wochen mindestens 40 Mitarbeiter von Gesundheitseinrichtungen mit Ebola angesteckt. Die meisten Kliniken der Stadt seien geschlossen, und es werde gemeldet, dass auf den Straßen Leichen liegen. Auch in Sierra Leone verschlimmert sich die Lage weiter. Da Menschen unter Ebola-Verdacht ihre Häuser 21 Tage nicht verlassen dürften, könnten sie weder ihre Felder bestellen noch einkaufen, teilte die Welthungerhilfe am Freitag mit. Die USA forderten Angehörige von Mitarbeitern der US-Botschaft im Land auf, wegen der Ebola-Epidemie das Land zu verlassen. Es mangele an medizinischer Versorgung.

Unterdessen gab es kurzfristig den Verdacht, am Flughafen von Frankfurt am Main sei ein ebolakranker Mann angekommen. Kurz nach der Landung einer Maschine aus Äthiopien untersuchten Ärzte am Freitag einen Passagier noch im Flugzeug. Der Leiter des Gesundheitsamtes, René Gottschalk, gab kurz darauf Entwarnung: Eine Infektion werde ausgeschlossen. Der leitende Infektiologe an der Uniklinik Frankfurt, Hans-Reinhard Brodt, ergänzte nach einer Untersuchung, der Mann habe vor mehr als drei Wochen die Epidemiegebiete verlassen, deshalb sei die Inkubationszeit vorüber, und von ihm gehe keine Gefährdung aus.