Justiz

Rachefeldzug auf der Autobahn

Vier Jahre jagte die Polizei den Schützen, der immer wieder auf andere Fahrzeuge schoss. Nun steht Fernfahrer Michael K. vor Gericht

Vermutlich pflichtet manch einer insgeheim sogar bei, wenn Michael Harry K. die Zustände auf Deutschlands Schnellstraßen als „Krieg“ bezeichnet. All die Raser und Drängler, die riskanten Überholmanöver und frechen Lichthupen zerren an den Nerven, von Dauerstau oder Blitzern gar nicht zu reden. Dass einem Vielfahrer wie Michael „Mischa“ K. da auch mal die Hutschnur hochgehen kann: geschenkt. Aber aus Ärger auf andere Fahrzeuge und Kollegen schießen? Jahrelang, Hunderte von Malen, meist bei Dunkelheit und immer klammheimlich vom Lenkrad aus, mit einer selbst gebauten Waffe? Die Tat macht ratlos – offenbar auch den Täter selbst.

Seit Montag steht der „Brummi-Sniper“ wegen versuchten Mordes vor Gericht in Würzburg. Vier Jahre lang soll er wie im Wilden Westen um sich geschossen und dabei mehr als 760 Patronen in andere Autos und – vermutlich aus Versehen – auch mal Gebäude gejagt haben. Dabei wurden mehrere Personen verletzt.

Sein Verhalten könne er sich beim Blick zurück selbst nicht mehr erklären, sagte K.. Zum Verhandlungsauftakt ließ der 58-Jährige seinen Anwalt Nikolaus Gwosdek eine 13 Punkte lange Erklärung vorlesen. „Meine Handlungsweise ist mir heute nicht mehr verständlich“, so das Schlusswort. Den Vorsitzenden Richter Burkhard Pöpperl hat diese Einlassung vermutlich enttäuscht. Denn der Jurist machte später bei seiner Befragung des Angeklagten klar, dass er gern eine Erklärung für diese in der Bundesrepublik nie da gewesene Tat haben würde. Nur: Der Angeklagte wollte oder konnte nicht so recht liefern.

Auch zweifelt Michael K. daran, tatsächlich so oft gefeuert zu haben. Und er glaubt, dass außer ihm sehr wohl noch weitere Sniper auf deutschen Straßen unterwegs sind. „Schauen Sie sich mal die Löcher in den Straßenschildern an“, riet er dem Richter. Er selbst sei das nicht gewesen. Er habe nie auf Schilder geschossen.

Grundsätzlich hatte K. aber bereits nach seiner Festnahme vor über einem Jahr zugegeben, aus seinem Führerhaus auf andere Gefährte gezielt und abgedrückt zu haben. Das angebliche Motiv: Rache für rücksichtsloses Verhalten, aber auch für zwei Überfälle in Frankreich. Zwei Mal hätten ihn die Fahrer von Autotransportern, vermutlich Rumänen, auf einer Tour in Frankreich im Schlaf ausgeraubt, behauptete er. Diese bittere Erfahrung wollte er offenbar heimzahlen – wenn schon nicht den echten Räubern, dann wenigstens dem Autotransporter an und für sich. Kein Wunder, dass das Würzburger Gericht vorsichtshalber einen psychiatrischen Gutachter bestellt hat.

Zumindest entschuldigte sich K. aber bei allen Betroffenen und Geschädigten. „Ich bin bereit, die strafrechtlichen Konsequenzen zu tragen.“ Etwas anderes wird dem Mann auch gar nicht übrig bleiben. Mehr als drei Stunden benötigten die beiden Staatsanwälte allein, um die 89 Seiten lange Anklageschrift zu verlesen. Eine schier endlose Karawane von Autotransportern, Wohnwagen, Sattelzügen, aber auch Planierraupen, Baggern und Kleintransportern ließen die Ankläger da vorbeirollen, die allesamt von K. ein Loch verpasst bekommen hatten, Kennzeichen für Kennzeichen, Einschussstelle für Einschussstelle.

Weil er dabei aber nicht nur Blech traf, sondern nahe Würzburg auch eine Pkw-Fahrerin erwischte, die ihre Nackenwunde nur mit viel Glück überlebte, lautet die Anklage auf versuchten Mord. Es droht eine lebenslange Freiheitsstrafe. Auch den Fahrer eines Kleintransporters hatte es einmal getroffen. Dem Mann und seinem Beifahrer mussten Splitter aus Gesicht und Augen entfernt werden. Es grenzt an ein Wunder, dass nicht mehr passierte.

K. las die lange und scharf formulierte Anklage offenbar Satz für Satz mit. Als ihn dann aber der Vorsitzende Richter Burkhard Pöpperl zu den Vorwürfen befragte, wurde deutlich, dass K. die Vorwürfe für übertrieben hält, den Tod oder die Verletzung von Menschen billigend in Kauf genommen zu haben. „Ich habe nie auch nur in die Nähe eines Führerhauses gezielt oder gar geschossen“, sagte er. Er habe immer nur auf die Autos gezielt, die auf den Transportern geladen waren, und dort auch stets auf das letzte oder vorletzte Auto der obersten Reihe.

Außerdem habe er seine Waffen nicht mehr angerührt, als er durch Zufall von der verletzten Frau gelesen habe. Der Richter glaubt ihm offenkundig nicht, schließlich war das Phantom, das Deutschlands Autobahnen unsicher machte, in der deutschen Presse und sogar bei „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ ein großes Thema gewesen.

Seit einem Jahr sitzt K. in Untersuchungshaft. Damals hatte ein Würzburger Staatsanwalt konstatiert, K. sei ein „frustrierter Einzelgänger mit Hass auf andere Menschen und einer Affinität zu Waffen“. Befragte Nachbarn und Kollegen wollten dieses Bild nicht bestätigen. Im Gegenteil wurde K., der mit seiner Frau in einem Eifeldörfchen wohnte, als zuverlässig, freundlich und offen beschrieben, als einer, der sich nach der Weihnachtsfeier noch mal beim Chef bedankt und immer einspringt, wenn er helfen kann. Neun Verhandlungstage sind bisher angesetzt, um zu klären, welches Bild eher der Wahrheit entspricht: das des braven Biedermanns. Oder das des verrückten Ballermanns.