Justiz

„Die Angst hat sich bei ihm eingebrannt“

Verteidiger versucht Pistorius’ Schüsse als Notwehr darzustellen

Große Erwartungen waren in sein Schlussplädoyer gesetzt worden – und der südafrikanische Staranwalt Barry Roux hat nicht enttäuscht. Wortgewandt und selbstbewusst versuchte der 58-Jährige in einer mehrstündigen Rede, seinen Mandanten Oscar Pistorius, 27, vor einer langen Gefängnisstrafe zu bewahren. Seine Argumente schienen plausibel – und schafften es immer wieder, die von der Staatsanwaltschaft dargelegte Version des Tathergangs infrage zu stellen. Dennoch bleibt die Frage: Ist ein Freispruch für einen Mann, der die Tötung seiner Freundin zugegeben hat, überhaupt möglich?

Der Staatsanwalt Gerrie Nel hatte am Vortag die ebenso berechtigte Frage aufgeworfen, ob es sich nicht auf jeden Fall um einen vorsätzlichen Mord gehandelt habe – abgesehen davon, wer letztlich das Todesopfer war. Pistorius vermutete eigenen Angaben zufolge einen Einbrecher im Badezimmer. Er hat sich im Schlafzimmer bewaffnet, und als er auf die geschlossene Toilettentür zielte, wusste er, dass er dabei das Leben eines Menschen riskierte.

Roux versuchte die Schüsse erneut als Notwehrhandlung darzustellen. Er zeichnete das Bild eines behinderten Mannes, der ohne seine Prothesen hilflos ist und angesichts der hohen Gewaltrate in Südafrika in Panik geraten ist, als er Geräusche in seinem Haus hörte. „Er mag vorgeben, dass alles gut und wundervoll ist, wenn er seine Prothesen anhat, aber die Angst hat sich langsam bei ihm eingebrannt“, betonte Roux. „In dem Moment, in dem er sich einer Gefahr gegenübersah, hat sich das entladen.“

Stück für Stück zerpflückte der Anwalt, der auch den Spitznamen „Rottweiler“ trägt, das Plädoyer Nels. Er stellte Zeugenaussagen ebenso infrage wie die von der Anklage vorgelegte zeitliche Abfolge der Geschehnisse in der Tatnacht. Auch das nachlässige Verhalten der Ermittler in Pistorius’ Villa war ein großes Thema des Plädoyers.

Pistorius verfolgte beide Plädoyers mit reglosem Gesicht. Meist starrte er auf seiner Anklagebank vor sich hin.

Viele Experten halten eine Verurteilung wegen Totschlags oder fahrlässiger Tötung für wahrscheinlich. Auch in diesem Fall drohen dem gefallenen Idol bis zu 15 Jahre Haft. Das Urteil wird bis Mitte September erwartet.