Prozess

„Frei von jeder Wahrheit“

Pistorius-Prozess: Staatsanwalt bleibt im Schlussplädoyer beim Vorwurf des Mordes

Der Staatsanwalt in Pretoria hat das Wort – und er wirft dem Angeklagten Oscar Pistorius in seinem finalen Plädoyer vorsätzlichen Mord vor. Der südafrikanische Sprintstar habe die Tötung seiner Freundin Reeva Steenkamp geplant, so der Chefankläger am Donnerstag. Pistorius hatte Steenkamp in der Nacht zum Valentinstag 2013 durch eine geschlossene Badezimmertür erschossen. Wird er schuldig befunden, droht ihm eine Haftstrafe von mindestens 25 Jahren.

Nach dem fünfstündigen Auftritt des Staatsanwalts begann auch Verteidiger Barry Roux überraschend schon am Donnerstag mit seinen Ausführungen. Seine Schlussrede steht am Freitag an. Mit den Plädoyers geht der spektakuläre Mordprozess gegen Pistorius nach Monaten seinem Ende entgegen. Das Urteil wird Ende August gesprochen.

Ankläger Nel bezichtigte Pistorius der Lüge. „Seine Aussage ging völlig an der Wahrheit vorbei“, meinte er. Der Angeklagte habe sich eine ganz eigene Version der Tatnacht zusammengebastelt. Nel versuchte die Richterin Thokozile Masipa noch einmal davon zu überzeugen, dass der heute 27-Jährige vorsätzlich handelte. Pistorius sei ein unverantwortlicher Waffennarr, der die Gesetze missachte. Der beinamputierte Sportler starrte mit ernstem Gesicht die meiste Zeit auf den Boden.

„In dem Haus befanden sich nur zwei Menschen. Einer davon wurde getötet“, sagte Nel. „Es gab nur einen Überlebenden, und da er sich entschieden hat, auszusagen, hätte man erwarten können, dass er eine ehrliche Version von dem erzählt, was passiert ist.“ Aber Pistorius habe sich geweigert, die Verantwortung für seine Tat zu übernehmen, und die Schuld von sich gewiesen. Die Argumente der Verteidigung seien „frei von jeder Wahrheit“.

Nel wiederholte noch einmal die wesentlichen Vorwürfe, die er bereits während der bisherigen Verhandlung vorgebracht hatte. Demnach hätten Untersuchungen ergeben, dass Steenkamp in der Tatnacht noch gegen ein Uhr morgens etwas gegessen habe. Dies stehe im Widerspruch zur Aussage Pistorius’, wonach das Paar früh zu Bett gegangen sei. Auch war Steenkamp zum Zeitpunkt ihres Todes bekleidet und hatte ihr Handy mit in die Toilette genommen. Weitere Kleidungsstücke waren zusammengelegt in ihrer Tasche gefunden worden. Das deute darauf hin, dass sie gehen wollte, nachdem es zu einem Streit gekommen sei.

Pistorius hat stets beteuert, dass es sich um einen tragischen Irrtum gehandelt habe, weil er hinter der Tür einen Einbrecher vermutet habe. Er habe in Panik gehandelt, so der Sportler. Eine Psychiaterin hatte ihm eine „intensive Angststörung“ bescheinigt. Bei ihrem Urteil muss sich Masipa vor allem auf Indizien und die Glaubwürdigkeit der Zeugen verlassen. 39 Prozesstage und 36 Zeugenverhöre konnten letztlich nicht klären, was in der Tatnacht in der Villa in Pretoria wirklich geschah.