Interview

Der gemütliche Oppa

Udo Walz, der Friseur der Berliner Gesellschaft, feiert heute seinen 70. Geburtstag. Ein Gespräch über Miniplis, Politik und das Alter

Wir sitzen vor seinem Laden in einer Passage an der Uhlandstraße. Udo Walz ganz in Weiß. Weißes Hemd. Weiße Hose. Ein Energiearmband. „Bist Du auch gut vorbereitet“, brummt Walz? „Heute bin ich schwierig. Wenn Du nicht vorbereitet bist, dann breche ich ab.“ Kurzum gesagt, Udo Walz ist spitzenmäßig drauf. Walz entspricht so gar nicht dem Klischee des affektierten Meisters. Der Friseur ist ein Kunsthandwerker. Grundsolide. Ein bisschen kratzig. Aber mit einem großen Herz. Der Friseur der Berliner Gesellschaft und damit der des wiedervereinigten Deutschlands wird 70 Jahre alt. Walz war es, der Angela Merkels Frisur neu erfand. 2005 trat er wegen seiner Bewunderung für die Frau, die damals noch nicht Kanzlerin war, sogar in die CDU Steglitz-Zehlendorf ein. Als Sohn eines Lkw-Fahrers aus Schwaben wurde er – noch bevor er volljährig war – Friseur. 1963 landete Walz in West-Berlin und blieb – bis heute.

Berliner Morgenpost:

Ich wollte mir ja eigentlich von Ihnen die Haare schneiden lassen. Ihr Lebenspartner meinte dann aber: Macht er nicht. Warum schneiden Sie Männern denn nicht die Haare?

Ich weiß es auch nicht. Ich hab einfach die bessere Hand für Frauen.

Schon eine Beschwerde von der Antidiskriminierungsbeauftragten der Grünen bekommen?

Nee, hab’ ich nicht. Aber irgendeine Grüne hat sich mal beschwert. Die hat im Senat gesagt, Udo Walz hat keinen Meisterbrief. Daraufhin haben Guido Westerwelle und Frau Merkel gesagt, scheint aber auch trotzdem gut zu gehen der Laden. Ich hatte aber einen Meisterbrief. Dann kam sie abends und hat sich entschuldigt. Die brauchte wohl einen Werbeträger für sich.

Woher kommt denn dieses Gerücht, Sie hätten keinen Meisterbrief?

Keine Ahnung.

Das findet man im Internet.

Immer noch? Nee, ich hab’ einen.

Zurück zu Ihren Kunden. Für Gerhard Schröder haben Sie eine Ausnahme gemacht und ihm die Haare geschnitten. Warum ausgerechnet ihm?

Schröder, Rau, Kohl. Ich kann aber einfach nicht so gut Herren schneiden. Da hab’ ich Mitarbeiter, die das viel besser können.

Liegt das an den Köpfen der Männer oder der Haarstruktur?

Weiß ich nicht. Ich habe einfach kein Interesse an Männerköpfen.

Herr Walz, sind Sie wirklich so nah an der Politik dran, wie man hört?

Nein. Aber es kommt ja eine sehr berühmte Frau aus Deutschland. Die möchte aber nicht, dass ich mit ihr Werbung mache. Aber wir unterhalten uns nicht beim Frisieren. Die Leute brauchen ihre Ruhe. Meine Mitarbeiter dürfen zum Beispiel auch nicht fragen: Woher kommen Sie? Was machen Sie beruflich?

Sie sagen über sich selbst, Sie seien ein ganz schlechter Zuhörer. Ist Ihr Geheimnis beim Schneiden das Erzählen?

Ich erzähle auch überhaupt nichts. Ich bin maulfaul. Ich konzentriere mich auf das Haareschneiden.

Ist das eigentlich ein Zufall gewesen, dass Sie im Juli 2005 in die CDU Steglitz-Zehlendorf eingetreten sind ...

Das ist überhaupt kein Zufall. Ich bin ein großer Fan von Frau Merkel. Und deswegen bin ich eingetreten.

… und nur wenige Monate später wurde Frau Merkel zur ersten Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland gewählt. Sind Sie ein Kanzlermacher, Herr Walz?

Na ja, ich hatte sie auf jeden Fall ein bisschen optisch verändert. Haarmäßig.

War das ein Ziel von Frau Merkel oder von Ihnen, dass sie sich optisch verändert?

Das hat sich ergeben. Sie kam als Kundin und war neu. Aber sie mag das ja eigentlich gar nicht, wenn jemand über ihre Haare spricht. Aber das machen die Leute ja heute nicht mehr. Früher war das viel mehr.

Bleiben wir mal an den Köpfen der Politik dran. Was will uns Wladimir Putin mit seinem Haarschnitt sagen?

Er will akkurat und streng wirken. Das ist er ja wohl auch. Bisschen kürzer. Er denkt, das sei powervoll, das macht ihn dynamischer.

Nach den ersten 44 Tagen als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist Barack Obamas schwarzes Haar ergraut.

Aber das hat ja nichts mit der Politik zu tun. Die wären auch so grau geworden. Auch Barack Obama wird älter.

Genug Politik. Herr Walz, wir wollen etwas über den Friseurberuf erfahren. Woran erkennt man eine gute Schere und was muss sie kosten?

Ne gute Schere, ich hab’ eine, die kostet 2000 Euro und ist aus Japan.

Also eine gute Schere muss auf jeden Fall einen guten Schliff haben.

Und wie geht der?

Das weiß ich doch nicht.

Was sagen Sie denn zum neuen, gefühlt ewig dauernden Männertrend Undercut?

Den habe ich vor vier Jahren bemerkt, aber der ist immer noch modern. Es hat sowas Jungenhaftes. Die Seiten kurz und oben etwas länger.

Gibt es Männer, die Minipli tragen können?

Bei uns ist das verboten. Das Wort ist sogar bei uns verboten. Dauerwelle übrigens auch. Wenn das jemand will, schicken wir die zum Kollegen.

Was ist eigentlich dran am Klischee des homosexuellen Friseurs?

Das hat sich auch überholt. Ich habe viele Mitarbeiter, die nicht homosexuell sind.

Gibt es die brandenburgische Friseurin wirklich, die für 3,50 Euro in der Stunde Haare schneidet?

Ich hoffe nicht. Bei mir arbeitet auch die aus Brandenburg kommende Frau für mehr. Ich finde, wenn man so wenig verdient, kann man nicht gut sein.

Der Friseurberuf hat ein Imageproblem. Die Verdienstaussichten sind nicht wirklich gut. Wie begeistert man den Nachwuchs, trotzdem Friseur zu werden?

Da habe ich überhaupt keine Probleme. Im Jahr habe ich bestimmt 400 Bewerbungen. Jedes Jahr stelle ich 25 Lehrlinge ein. Bei 25 bleiben am Ende zehn oder elf übrig.

Stimmt das eigentlich wirklich, dass Sie 1958 der 598-Beste von 600 Lehrlingen in Baden-Württemberg waren?

597., ich war der Drittschlechteste. Ich war einfach zu faul, mich vorzubereiten.

Herr Walz, erklären Sie bitte meiner Mutter, die in einem Dorf im Rheinland lebt, den Unterschied zwischen den Berliner Gesellschaftsrestaurants Grill Royal und Borchardt.

Woher wissen Sie das eigentlich, dass ich dahingehe? Der Unterschied ist: Im Grill Royal kann man, wenn man draußen sitzt, die Schiffe am Kanal vorbeifahren sehen. Das liebe ich. Und wenn man im Borchardt im Inner Circle sitzt, dann hat man’s gut geschafft. Das Essen ist beides gleich gut.

Was ist das Geheimnis der Läden?

Sie sind groß. So wie in Paris. Und man kann viel gucken. Man sitzt immer so, dass man ein bisschen auf die Tür guckt, wer reinkommt. Das ist wie ins Kino gehen.

Sie sind 1963 nach Berlin gekommen.

’64.

Die Kennedy-Rede haben Sie nicht mitbekommen?

Oh, doch! Natürlich war ich da schon da. „Ich bin ein Berliner.“

Standen Sie im Publikum?

Ach, nein! Wir mussten doch arbeiten. Wir haben das abends im Radio gehört und am nächsten Tag in der Zeitung gelesen. Wir waren alle begeistert. Aber nicht erst, als Kennedy nach Berlin kam. Wir waren vorher schon begeistert.

Was bedeutete West-Berlin in den Sechzigern für Sie als jungen, homosexuellen Mann?

Ich habe nie Probleme gehabt mit Homosexualität. Ich habe mich sehr amüsiert. Aber ich bin nie in homosexuelle Lokale gegangen. Das hat mich nie interessiert. Das fand’ ich zu ghettohaft.

Aber Berlin war ein guter Ort für Sie?

Berlin ist meine Stadt. Berlin hat mich sehr gut aufgenommen. Ich habe der Stadt sehr viel zu verdanken. Ich bin früher ein Mal im Monat mit F.C. Gundlach um die Welt geflogen, um für Zeitschriften zu frisieren. Und trotzdem ist Berlin meine Stadt. Ich liebe die Toleranz, die Schnelligkeit, den Witz in Berlin, das Kreative, die vielen Kneipen, Bäcker und Optiker. Und Friseure.

Es tut mir leid, Herr Walz, aber wir müssen jetzt von der Jugend ins Alter kommen. Sie werden 70. Zwickt das schon irgendwo bei Ihnen?

Das zwickt nicht. Ich finde es schade, aber ich rede mir ein, manche Leute werden gar nicht 70. Das beruhigt mich dann.

Was bedeutet das Alter 70 für Sie?

Gemütlicher Oppa. (Walz spricht es wirklich mit zwei P. Oppa! Ganz kurz.)