Belohnung

Wunder gesucht

Wer unter wissenschaftlichen Bedingungen beweist, übernatürliche Fähigkeiten zu besitzen, kann in Würzburg 10.000 Euro gewinnen

Ab und zu kommen Studenten an der kleinen Wiese am Biozentrum vorbei und wundern sich. Manche lächeln verständnisinnig, andere grinsen über den Mann, der von einem blauen Waschlappen zum nächsten schreitet, zwei dünne Metallstäbe in den Händen. Und siehe da, jetzt bewegen sich beide Stäbe. Sie kreuzen sich wie von Geisterhand über Waschlappen Nummer vier. Der Rutengänger – darum handelt es sich – hält inne. Steigt noch mal über den Lappen. Wieder schlagen seine Ruten aus.

Die zehn auf der Wiese ausgelegten blauen Waschlappen sind eine wissenschaftliche Versuchsanordnung. Der Rutengänger soll getestet werden. Entlarvt, geht es nach der Wissenschaft. Unter neun Lappen liegen Holzplättchen, unter einem liegt ein Stück Metall. Dieses soll er identifizieren. 13 Wiesengänge sind geplant. Jedes Mal wird die Lage des Metallplättchens neu ausgelost. Derweil muss der Rutengänger in einem geschlossenen Raum warten. Er weiß nie, unter welchem Lappen das Metall steckt. Bei jedem Gang identifiziert er einen. Jetzt steckt er ein Markierungsstöckchen ins Gras. Waschlappen Nummer vier diesmal.

Er will der Wissenschaft beweisen, dass seine Rutenkunst wirkt. Und die Wissenschaftler wollen ihm beweisen, dass das alles Quatsch ist. In wenigstens sieben seiner 13 Gänge über die Wiese muss er den richtigen Waschlappen erspüren – den mit dem Metallstück darunter. So ist es vereinbart. Alles unter sieben Richtigen wertet die Wissenschaft als Zufall. Gelingt es dem Mann mit den Stäben, das Metall mindestens siebenmal zu orten, winken ihm 10.000 Euro Gewinn.

Der Kandidat kommt aus Altenburg in Thüringen. Paul Prosche ist 63. Jahrzehntelang hat er als Lkw-Fahrer gearbeitet. Eines Tages sah er einen Mann von den Stadtwerken mit Drähten in den Händen herumlaufen und sich Notizen machen. „Ich sprach ihn an. Er erklärte es mir und gab mir die Drähte – und es funktionierte auch bei mir.“

Prosche setzte sein neu entdecktes Talent als Rutengänger zu seiner eigenen Sicherheit ein. „Wenn ich irgendwo zu baggern hatte, bin ich immer vorher die Strecke abgegangen und habe sie nach alten Leitungen abgesucht. Als die Drähte sich kreuzten, sagte ich zum Vorarbeiter: Du, da liegt was in der Erde, lass’ uns vorsichtig sein. Der wollte davon nichts wissen, in seinen Plänen war hier keine Wasserleitung, er sagte: weiterbaggern. Ich tat es, dann schoss eine Wasserfontäne in die Luft. Ich hatte eine alte Bleileitung getroffen.“

Bisher sind alle gescheitert

Es sind nicht die Metalldrähte, es ist der menschliche Körper, der reagiert, sagt Prosche. Aber wie erspürt er das? Er nennt es „eine galvanische Energie“. Ein Energiefeld der Erde, das er nicht spüre, wenn es einfach nur da sei – er spüre aber, wenn dieses Feld von einem Objekt im Boden gestört werde. Und was passiert, wenn sich seine Ruten kreuzen? „Vorher schon spüre ich einen leichten Druck im Kopf, als ob mir jemand einen Helm aufsetzt, dann ein leichtes Kribbeln in den Armen, und dann kreuzen sich die Ruten in meinen Händen, obwohl ich sie festhalte.“

In den Pausen zwischen den Rutengängen sucht Paul Prosche das Gespräch mit den Wissenschaftlern. Doch die bleiben wortkarg. Sie sind sich ihrer Sache absolut sicher. Sie bieten diese Tests seit Jahren an. Sie haben viele Kandidaten scheitern sehen, genauer gesagt, alle. Hat sie denn nie einer überrascht? Einer nur, der habe behauptet, von seinen Händen bestrahltes Wasser von unbestrahltem Wasser am Geschmack unterscheiden zu können. 50 Flaschen wurden gefüllt, die Hälfte mit bestrahltem, die andere Hälfte mit normalem Wasser. „Und er hat 34 von 50 Flaschen richtig erkannt. Das ist viel!“

In einem solchen Fall muss der Kandidat durch einen zweiten Test. „Vorher riefen wir das Wasserwerk an und erfuhren, dass die im Laufe eines Tages auf Wasser aus verschiedenen Quellen umschalten“, sagt Wolf. „Das heißt, es gab tatsächlich einen Geschmacksunterschied – aber er kam dadurch zustande, dass wir unwissentlich Wasser aus verschiedenen Quellen in unsere Testflaschen abgefüllt hatten. Wir haben dann das Wasser vermischt, sodass es keinerlei Unterschiede mehr gab – da hatte der Kandidat nur noch 20 Treffer. Er war durchgefallen.“

„Die Skeptiker“, so nennen sich die Tester selbst – eine Gruppe von Wissenschaftlern und wissenschaftlich Interessierten, die es sich zum Ziel gesetzt hat, das unwissenschaftliche Denken zu bekämpfen. Denn das erweist sich, allem Fortschritt zum Trotz, als zählebig. Der Versuch ist eine Wette. Wissenschaft wettet gegen Parawissenschaft, Schulwissen gegen – ja was? Manche nennen es Erfahrungswissen, andere Homöopathie, Erdstrahlen, PSI. Alles entlarvt in den Würzburger Tests. Immer wieder treffen die Skeptiker auf Schwindler, die den Leuten ihre abstrusen Anti-Strahlen-Apparate gegen teures Geld andrehen. Paul Prosche nimmt kein Geld. Er will einfach wissen, was die Wissenschaft zu Leuten wie ihm sagt. Er ist überzeugt von seiner Sache.

Auch er wird scheitern, glauben die Wissenschaftler. Interessant ist nur die Frage: Wie wird er es aufnehmen? Wird er bockig sein, Ausreden ins Feld führen? So haben sie es oft erlebt. Nach Stunden kommt der Moment der Wahrheit. Auf zwei Blatt Papier. Das Ergebnis ist niederschmetternd. Einen einzigen Treffer hat er. Bei seinem siebten Gang über die Wiese hat er das Metallstück unter Waschlappen Nummer vier geortet. Da lag es auch. Sonst lag es nie dort, wo er und seine Wünschelruten es gespürt haben. Die Hände gefaltet, den Kopf gesenkt, hört er sich die kleine Rede an, zu der Dr. Rainer Wolf nun anhebt, einer der Skeptiker.

„Das ist das Ergebnis, das wir bei allen unseren Tests hatten – dass man mit der Wünschelrute nur was finden kann, wenn man weiß, wo es ist. Wenn Sie Kabel im Boden fanden, dann wussten oder ahnten Sie, dass da welche lagen. Nichts sonst. Sie haben sich viel Mühe gegeben heute. Und Ihre ganze Mühe war umsonst – ein einziger Treffer, das ist ein reines Zufallsergebnis.“ Paul Prosche nickt sachte. Dann sagt er: „Der Tatsache stelle ich mich. Das ist der reine Zufall, und das trifft wahrscheinlich für alle Wünschelrutengeher zu. Eine bittere Erfahrung, ich werde meine Lehren daraus ziehen.“

Dr. Wolf scheint bewegt. „Ich gratuliere Ihnen“, sagt er. „Die Mehrzahl unserer Kandidaten akzeptiert das Ergebnis nicht.“ Man verabschiedet sich höflich. Der Mann aus Altenburg fährt heim, um eine große Idee ärmer. Und die Skeptiker fahren heim wie Leute, die immer recht haben. „Es wäre eigentlich schön, wenn wir wenigstens einmal nicht recht hätten“, sagt Wolf. Und was war mit der Wasserleitung, die es in den Plänen des Vorarbeiters nicht gab und aus der die Fontäne schlug? Alles Vorwissen des Baggerfahrers, sagen die Skeptiker. Alles Zufall, sagt nun Paul Prosche, der damals den Bagger fuhr. Ahnungen, Träume, Intuition – alles Mumpitz? Der Mensch bliebe ein unbegreifliches Rätsel, wäre es so.