Justiz

Zwei Stunden Todeskampf

Wieder quält sich ein Verurteilter in den USA, bis das Sterben vorbei ist. Menschenrechtler fordern die Abschaffung der Giftspritze

„Er röchelte, er keuchte und er schnappte Hunderte Male verzweifelt nach Luft“: So beschrieb der TV-Reporter Troy Hayden von Fox News am Mittwoch die Hinrichtung von Joseph Wood im Staatsgefängnis von Arizona. „Er lag da wie ein sterbender Fisch, der an der Wasseroberfläche nach Sauerstoff suchte. Ein Anblick, der nur schwer zu ertragen war.“

Insgesamt eine Stunde und 28 Minuten soll der Todeskampf des wegen Doppelmordes verurteilten Wood gedauert haben. Die gesamte Hinrichtung zog sich laut der Gefängnisverwaltung fast zwei Stunden hin. Eine Exekution, die Woods Anwälte später als „verpfuscht“ und als einen „Horror“ für ihren Mandanten kritisierten. Eine Einschätzung, die die Angehörigen der Opfer, die ebenfalls als Zeugen bei der Hinrichtung dabei waren, nicht teilten. „Wissen sie überhaupt was entsetzlich ist? Ihren Vater und ihre Schwester in einer riesigen Blutlache zu sehen. Das ist entsetzlich“, sagte Jeanne Brown.

„Wir haben alles nach Protokoll gemacht“, hieß es in einem Statement der Gefängnisverwaltung. Man habe den Verurteilten insgesamt sieben Mal überprüft und gecheckt, ob er betäubt gewesen sei. Joseph Wood habe geschlafen. „Er hat nicht nach Luft geschnappt, sondern geschnarcht.“ Auch Arizonas Gouverneurin Jan Brewer wehrte sich gegen die Vorwürfe einer „verpfuschten Hinrichtung“. Nur wegen der Dauer der Prozedur zeigte sie sich besorgt und ordnete eine Untersuchung an. „Der Insasse Wood ist nach dem Gesetz ordnungsgemäß gestorben und hat nach Aussagen von Zeugen und Medizinern nicht gelitten“, erklärte die Republikanerin, eine glühende Befürworterin der Todesstrafe.

Woods Anwälte, die in einem Eilantrag vergeblich einen Stopp der Hinrichtung erzwingen wollten, forderten einen unabhängige Untersuchung. „Arizona hat sich mit dieser Hinrichtung in die Gesellschaft einiger anderer Staaten begeben, die für einen komplett vermeidbaren Horror verantwortlich sind“, sagte Anwalt Dale Baich. Er hatte schon vor dem Vollzug der Todesstrafe von einem „Experiment am lebenden Menschen“ gesprochen und vor den Folgen eines ungetesteten Giftcocktails gewarnt. Ein Gericht hatte zunächst die Hinrichtung ausgesetzt, ein anderer Richter hatte sie später aber wieder erlaubt.

Die von Arizonas demokratischen US-Senator Ed Ableser als „barbarisch“ beschriebene Exekution dürfte jetzt die anhaltende Diskussion um die Todesstrafe weiter anheizen. Denn Wood ist nicht der Erste, der in diesem Jahr bei einer Hinrichtung offenbar qualvoll sterben musste. Insgesamt soll es laut dem Death Penalty Information Center (DPIC) seit Wiedereinführung der Höchststrafe in den USA im Jahr 1976, in 44 Fällen ernsthafte Komplikationen gegeben haben. Die DPIC setzt sich für die Abschaffung der Todesstrafe ein.

Bereits im Januar dieses Jahres hatte eine Exekution für Entsetzen gesorgt. In Ohio war der Vergewaltiger und Mörder Dennis McGuire durch einen unerprobten, neuen Giftcocktail hingerichtet worden. Auch McGuire schnappte wie jetzt Wood verzweifelt nach Luft und starb erst nach 25 qualvollen Minuten. Seine Familie reichte später Klage gegen den Bundesstaat ein. Die Verfassung der USA verbietet selbst für die schwersten Verbrechen eine „unangebrachte und grausame Bestrafung“. Im April war ein Verurteilter nach einer Injektion gestorben, aber nicht an der – unerprobten – Giftmischung, sondern an einem Herzinfarkt.

„Es ist Zeit, dass sich Arizona und andere Bundesstaaten, die die Giftspritze einsetzen, eingestehen, dass das Experiment mit unerprobten Medikamenten gescheitert ist“, erklärte die Menschenrechtsorganisation The American Civil Liberties Union. Die Behörden in Arizona jedoch schienen sich an den qualvollen Hinrichtungen zuvor nicht zu stören und benutzten offenbar die gleiche unerprobte Kombination. Dabei handelte es sich um das Schmerzmittel Hydromorphon, das bei Überdosierung zunächst die Atmung und dann die Herzfunktion stoppt, und das Beruhigungsmittel Midazolam.

Nicht erprobte Arzneimischungen

Vor allem die Wirkung von Midazolam ist dabei höchst umstritten. Doch Alternativen scheint es nicht zu geben. Seitdem die europäischen Hersteller die Lieferung der zuvor benutzten Präparate eingestellt haben, gibt es in den USA einen zunehmenden Engpass an geeigneten Giftcocktails. Deshalb wird seit Monaten nach Alternativen gesucht. In Wyoming und in Missouri wurden bereits Gesetzesinitiativen gestartet, die Erschießungskommandos wieder erlauben sollen. Im Bundesstaat Tennessee will man den elektrischen Stuhl wieder aktivieren.

In der Bevölkerung dagegen scheinen immer weniger die Todesstrafe zu befürworten. Nach einer Studie des Pew Research Center von 2013 unterstützt mit 55 Prozent nur noch eine knappe Mehrheit der US-Bürger diese Form der Höchststrafe, 37 Prozent sind dagegen. In den 90er-Jahren lag die Zustimmung noch bei über 80 Prozent.