Justiz

Schwarze Kassen im Märchenschloss

Burgfriede auf Neuschwanstein ist erheblich gestört. Ein Prozess fördert Erstaunliches zutage

Jeder der jährlich 1,4 Millionen Besucher von Schloss Neuschwanstein kennt das Ritual: Am Ende der 30-minütigen Führung durch Thronsaal, Hauskapelle und Wintergarten nimmt der Schlossführer ergeben lächelnd sein Trinkgeld entgegen, bevor er seine Gäste nach unten in den Souvenirshop entlässt. Ein Prozess vorm Amtsgericht Kaufbeuren wirft nun die Frage auf, wo Schlossmitarbeiter ansonsten noch die Hand aufgehalten haben.

Angeklagt sind der ehemalige Schlossverwalter Rudolf R., 66, und sein Vertreter, Kastellan Markus R., 42. Dieser residierte selbst lange in einer 130-Quadratmeter-Wohnung im Märchenschloss und fabulierte gern vom „magischen Ort“ – jedenfalls wenn die Tore zum Hof abends verriegelt und die Touristen abgezogen waren. Vordergründig geht es in dem Verfahren nur um Einzelbeträge von 20 Euro, die Schlossführer bei Sonderführungen abgezweigt haben sollen, sowie die Unterschlagung von 198 Euro aus einem Umschlag mit Einnahmen, der Gesamtschaden beläuft sich auf gerade einmal 5023 Euro. Doch durch die Ermittlungen kam auch ans Licht, dass ein Teil des Geldes für Feiern der Belegschaft verwendet worden sein soll.

Personal-Partys im Thronsaal von König Ludwig II.? „Da können Sie sich alles drunter vorstellen“, sagt eine mit den Vorgängen hinter den Schloss-Kulissen vertraute Person. Es soll Betriebsfeiern in den Prachtgemächern gegeben haben, nicht angemeldete Hochzeiten für Bekannte des Personals, mehrtägige Betriebsausflüge. Offen zitieren lassen mit Vorwürfen will sich niemand aus der Bayerischen Schlösserverwaltung. Doch in dem Prozess in der schwäbischen Provinz kommen nun unliebsame Details zutage.

Beim Auftritt des Zeugen Hubert Nikol, 52, zum Beispiel. Der Finanzbeamte war am 1. August 2010 aus der Münchner Zentrale nach Schwangau geschickt worden, nachdem sich Berichte mehrten, dass nicht alle Besucher Neuschwansteins mit dem Besuch dort zufrieden seien. Schon nach kurzer Amtszeit Nikols war der Burgfriede offenbar nachhaltig gestört. Es habe bereits mit seinen Dienstzeiten begonnen. „Den Mitarbeitern hat es nicht gefallen, dass ich auch zu anderen Zeiten als R. im Büro war“, sagt Nikol.

Vorgänger Rudolf R., der nun wegen Betrugs und Untreue in 227 Fällen auf der Anklagebank sitzt, habe feste Arbeitszeiten von 8 bis 16 Uhr eingehalten. Er dagegen habe spätnachts noch im Büro gesessen und sei auch mal am Wochenende aufgetaucht, so Nikol. „Ich hatte das Gefühl, das hat vielen nicht gefallen.“ Rasch habe er bemerkt, dass die Werkstatt auch privat genutzt worden sei, dass Dienstfahrzeuge am Wochenende nicht in der Garage standen. „Ich habe festgestellt, dass sich im Haus private Personen in Aufenthaltsräumen aufhielten, nicht nur Mitarbeiter. Auch die fehlenden 20-Euro-Beträge der Sonderführungen haben mich gestört“, sagte Nikol im Amtsgericht Kaufbeuren aus.

Mitarbeiter kassierten doppelt

Bei Stichproben fiel dem Verwalter auf, dass seine Mitarbeiter bei Rundgängen außerhalb der normalen Besuchszeiten zuweilen Bargeld kassierten. „Das kam mir komisch vor.“ Als er in der Buchhaltung nachfragte, hieß es, das hätten die Führer ja in ihrer Freizeit gemacht. Doch tatsächlich sei es als Arbeitszeit verbucht gewesen, so Nikol. „Das habe ich dann abgestellt.“ Folgerichtig klagte die Staatsanwaltschaft Kempten nur den Zeitraum vom 3. September 2007 bis 23. Juni 2010 an. Das System der schwarzen Kassen muss es aber schon mindestens seit 1997 gegeben haben.

Den Mitarbeitern wiederum missfiel der Stil des neuen Chefs. Gerüchte machten die Runde, fanden den Weg in die Presse. Nikol habe eine spanische Fremdenführerin vor Touristen niedergebrüllt, bis sie zu weinen begonnen habe. Er habe die Polizei im Schlosshof vorfahren lassen, nur weil er eine russische Touristin mit einer Freikarte für Kinder ertappt habe. Wie tief die Verärgerung noch immer sitzt, zeigte die Aussage einer Personalrätin am zweiten Prozesstag in dieser Woche: Nikol habe Mitarbeiter zum Babysitten für seinen Sohn abgestellt, Kollegen schikaniert und einen befreundeten Bewerber auf einen Job im Schloss protegiert, sagte sie vor Gericht.

Hubert Nikol wiederum hatte dem verantwortlichen Finanzstaatssekretär Franz Josef Pschierer (CSU) bereits 2010 eine Liste über die „Verhältnisse bei Amtsantritt“ vorgelegt: „Unterschlagung, abendliche Führung auf eigene Rechnung, Schwarzlöhne/Schlossführer erhielten Zahlungen in bar außerhalb der Buchhaltung“, habe darauf gestanden. Daraufhin sei der Präsident der Schlösserverwaltung im August persönlich nach Neuschwanstein gekommen und habe die Unterlagen über Sonderführungen eingefordert, erinnerte sich Nikol vor Gericht.

Für die Verteidigerin des angeklagten Ex-Schlossverwalters ist das ein Beleg für die unselige Verwicklung des obersten Dienstherrn in die Missstände auf Neuschwanstein: Die Schlösserverwaltung habe ein offenkundiges Interesse, die eigene Beteiligung an Straftaten zu vertuschen, sagte sie im Prozess.

Doch als „Bauernopfer“ wollte Richter Martin Slach die beiden Angeklagten nicht behandelt wissen. Immerhin sprach er den angeklagten Kastellan vom Vorwurf der Untreue, des Betrugs und der Urkundenunterdrückung frei. Ihm könne nicht nachgewiesen werden, dass er es war, der 198 Euro aus einem Kuvert entnahm. Der Prozess gegen Rudolf R. soll am 31. Juli fortgesetzt werden.