Nachruf

Eine große Stimme ihrer Zeit

Sie kämpfte gegen die Apartheid. Jetzt ist die Nobelpreisträgerin Nadine Gordimer in Südafrika gestorben

Sie war der Prototyp der Schriftstellerin, deren Schreiben politisch motiviert war – aber Politikerin werden mochte Nadine Gordimer nicht. Als der Afrikanische Nationalkongress (ANC) sie, die weiße Südafrikanerin, 1994 für die Wahlen nominieren wollte, lehnte die berühmte Autorin ab. Sie sei Künstlerin, nicht Politikerin. Dabei hatten gerade ihre Landsleute sie bisweilen mehr als politische Aktivistin wahrgenommen: Die Jahrzehnte der Rassentrennung in Südafrika waren auch Jahrzehnte des gesellschaftlichen Engagements und politischen Kampfes der Nadine Gordimer.

Sie trat seit den Fünfzigerjahren für freie Meinungsäußerung ein und machte gegen die Apartheid Front; dabei ließ sich Gordimer nie einschüchtern, obwohl ihr der Staat das Leben schwer machte und gelegentlich ihre Werke verbot. Bereits ihre ersten Bücher – 1953 erschien das Debüt „Entzauberung“, 1958 „Fremdling unter Fremden“ – handelten vom Leben in einem Land, das der Mehrheit seiner Bewohner die Möglichkeit eines freien, selbstbestimmten Lebens nahm.

Sie beschrieb Konflikte und psychologischen Mechanismen im Zusammenleben von Engländern, Buren, Schwarzen, Juden und Indern. Beinahe in jedem ihrer Romane, darunter „Burgers Tochter“, „Der Ehrengast“, „Julys Leute“ und „Die Geschichte meines Sohnes“ thematisierte sie die Auswirkungen und Beschädigungen, die die Apartheid zwischen Freunden, Mann und Frau, Eltern und Kindern anrichtet. Die Unterdrückung der Schwarzen schilderte sie in einem realistischen Tableau der krass unterschiedlichen und unter den Vorzeichen des Rassismus ins Werk gesetzten Lebensumstände. Was den Machthabern nicht gefiel: Ihre Bücher wurden zensiert, was sie nicht davon abhielt, weiter die Sache der Unterdrückten zu verfechten. Das Massaker von Sharpeville 1960, bei dem die Polizei 69 Demonstranten tötete, veranlasste sie, dem damals noch verbotenen ANC beizutreten.

Wenn sie die Gegenwart Südafrikas beschrieb, dann schrieb sie nicht über Herrschaft und Unterdrückung, sondern über Beziehungen über die Rassengrenzen hinweg. Wie kulturelle Identitäten ineinander fließen, lernte sie früh. Gordimer wurde am 20. November 1923 als Tochter jüdischer Einwanderer in Südafrika geboren. Sie wuchs in der Nähe von Johannesburg auf. Ihr Vater, ein Uhrmacher, stammte aus dem Baltikum, ihre Mutter war Engländerin. Als sie zehn war, nahm sie die Mutter aus der Schule. Nadine Gordimer entdeckte den Zauber der Literatur. Sie begann zu schreiben, veröffentlichte ihre erste Kurzgeschichte mit 15.

Anschließend schrieb sich die Frau, die 1953 den gebürtigen Berliner Reinhold Cassirer, einen Kunsthändler, heiratete, schnell in die erste Liga der südafrikanischen Literatur. 1974 erhielt sie den Booker Prize, der zu den wichtigsten Literaturauszeichnungen im englischen Sprachraum gehört. 1991 bekam sie den Literaturnobelpreis, den damals manch einer lieber J.M. Coetzee gegönnt hätte. Der Landsmann Gordimers wurde dann 2003 ausgezeichnet. Gordimer und Coetzee verkörperten auf unterschiedliche Weise die Figur des Schriftstellers: Während Gordimer Literatur und Engagement vereinte, sagte Coetzee beinah alles, was er zu sagen hatte, in seinen Büchern. Die Beziehung der beiden südafrikanischen Literatur-Giganten war eher von Distanz als von Nähe geprägt.

Als Nadine Gordimer der Nobelpreis zuerkannt wurde, begründete die Jury dies mit den Worten: „Gordimers herausragende Werke dienen – im Sinne Alfred Nobels – in ganz besonderem Maße dem Wohle der Menschheit.“ Sie sagte einmal, dass sie die Wirklichkeit auf ehrliche Weise darstellen und verborgene Aspekte beleuchten wolle. Gordimer interessierte sich besonders für die psychologischen und gesellschaftlichen Aspekte von Konfliktsituationen, wie sie sie etwa in „Die Hauswaffe" (1998) beschreibt. Der Roman spielt im „neuen“, immer noch von Gewalt geschüttelten Südafrika nach der Apartheid und beschreibt die emotionale Verwirrung eines Ehepaars, dessen Sohn des Mordes bezichtigt wird.

Einer ihrer berühmtesten Romane, „Julys Leute“ schildert die Umkehrung der Rassenverhältnisse. July, so heißt der schwarze Bedienstete der Architektenfamilie Smales nach dem Monat, in dem er vor 15 Jahren zu ihr gekommen war. In sein Dorf flieht die Familie, als in der Hauptstadt Kämpfe, Plünderungen, Brände toben.

„Die Geschichte meines Sohnes“ ist ein Fanal gegen Willkür. Erzählt wird die Geschichte Wills, eines Literaturliebhabers, er schließt sich der Untergrundbewegung gegen die weiße Herrschaft an. Außerdem geht es um die amour fou zwischen einem schwarzen Lehrer und einer weißen Befreiungskämpferin. Die leidenschaftliche Liebe wird den Befreiungskämpfen geopfert. Auch „Burgers Tochter“ ist geprägt von der Last des Apartheitregimes. „Burgers Tochter“, das ist Rosa, die sich im Schatten ihrer verstorbenen Eltern ein eigenes Leben erfinden muss.

Ihr letzter Roman „Keine Zeit wie diese“ erschien 2012. Er gilt als Abrechnung mit dem ANC unter Nelson Mandelas Nachfolger Jacob Zuma. Gordimers Worte hatten in Südafrika bis zuletzt Gewicht. Als Beobachterin der Zustände in Afrika blieb sie wach, etwa wenn sie die Politik Robert Mugabes im Nachbarland Simbabwe kritisierte. Die Südafrikaner bewunderten Gordimer für ihr couragiertes Auftreten und ihre Unbeirrbarkeit.

Sie war eine große Stimme ihrer Zeit, der es um Freiheit und Gerechtigkeit ging. Am Sonntag ist Nadine Gordimer im Alter von 90 Jahren in Johannesburg gestorben.