Interview

„Das Besondere ist der Team-Spirit“

Carlos Santana tritt heute live vor dem WM-Finale auf – aber er hat schon Größeres erlebt

Auftritte vor großen Menschenmengen ist er inzwischen gewohnt. Carlos Santana wird heute mit Wyclef Jean und dem DJ Avicii live vor 75.000 Zuschauern beim Finale der Fußball-WM im Maracanã-Stadion spielen. Was die gigantomanische Kulisse betrifft, gibt sich der 66 Jahre alte Gitarrist entspannt. Er hat schon Größeres erlebt. Vor fast genau 45 Jahren trat er auf einem Acker nahe Woodstock vor einer halben Million Menschen auf.

Berliner Morgenpost:

Als Gitarrist spielen Sie seit Jahrzehnten in der Welt-Liga, sind Sie auch ein guter Fußballer?

Carlos Santana:

Kann ich nicht wirklich von mir behaupten. Leider.

Haben Sie in Ihrer Kindheit in Mexiko keinen Fußball gespielt?

Nur selten. Meine Eltern waren aus Mexiko in die USA gezogen, als ich noch ein Teenager war. Ich bin im Grunde in den USA aufgewachsen. Da waren Basketball und Tennis meine Lieblingssportarten. Von daher hatte ich keine Gelegenheit, ein richtiges Fußballgefühl zu entwickeln. Ich bin also kein Experte. Trotz meiner peripheren Sicht auf den Fußball habe ich das Wesentliche, glaube ich, begriffen: Es gewinnt meist jene Mannschaft, die sich am wenigsten ablenken lässt. Darüber hinaus ist Fußball ein großartiges kollektives Spiel. Es kommt auf das Ensemble an, gleichzeitig müssen sich Individualisten entfalten können. Wenn du diese Widersprüche ausbalancieren kannst, schlägst du alle anderen. Ich weiß, das klingt jetzt vermutlich wie eine Binsenweisheit.

Sagen wir so: In der Redaktion hätten Sie gute Chancen, nach solchen Sprüchen ein Bußgeld ins „Phrasen-Schwein“ einzahlen zu müssen.

Kann schon sein, es klingt so einfach, aber dieser Zustand ist sehr schwer zu erreichen. Und in der Hinsicht weiß ich, wovon ich rede. Denn im Grunde funktioniert eine Fußballmannschaft nicht anders als eine Band: Überbezahlte Superstars sind am Ende nicht das Ausschlaggebende. Es ist der Team-Spirit, die Interaktion zwischen Musikern, die das Besondere ausmacht. Nur, dass es in der Musik am Ende keine Verlierer oder Gewinner gibt.

Auch wenn Sie kein Experte sind: Gab es bei der WM Mannschaften, die Sie angefeuert haben?

Ja, sicher. Mein Lieblingsteam ist natürlich Mexiko. Danach kommt Brasilien, dann Kamerun. Und dann ... wann hat Deutschland noch mal zuletzt den Titel geholt? Ist schon eine Weile her, oder?

1990 in Italien.

Hm. Deutschland wird Weltmeister. Wär’ schon nett, wenn es wieder mal klappte, oder?

Absolut.

Ich mag Deutschland, in vielerlei Hinsicht. Ich musste mal mit meinem Kollegen Al Di Meola ein gemeinsames Interview geben. Der Reporter fragte: „Carlos Santana, was würden Sie als Nächstes machen?“ Ich antwortete: „Ich würde so gerne mal Tennis mit Steffi Graf spielen.“ Al Di Meola sagte nur: „Ich möchte noch mehr Geld machen und sehr berühmt werden.“ Ich dagegen wollte lieber mit Steffi Graf, meiner wunderschönen „Sister“, Tennis spielen. Und wissen Sie was: Alles, was du dir wünschst, kann wahr werden. Wenn du es dir nur sehr intensiv wünschst.

Klingt wie eine Kalenderspruch-Weisheit von Paulo Coelho.

Na und?!

Hat es geholfen – haben Sie mit Steffi Graf Tennis gespielt?

YES! In Hamburg. Sie gab mir tatsächlich eine private Tennisstunde. Ich hab’ ihr dafür später eine meiner Gitarren geschenkt, sie mir ein paar Tennisschläger. Steffi Graf ist meine persönliche Heldin. Nichts gegen Serena und Venus Williams. Ich respektiere sie beide. Aber Steffi Graf ist mein absoluter Champion. Sie spielte nicht nur erfolgreich, sie hatte auch diese unglaublich Eleganz. Und ich liebe Eleganz, wirklich, Mann.

Haben Sie Steffi Graf im Gegenzug die Akkorde von „Black Magic Woman“ beigebracht?

Nein, dazu blieb keine Zeit. Aber ihr jüngerer Bruder spielt Gitarre, deshalb habe ich ihr eine geschenkt. Ich mag vieles, was aus Deutschland kommt, nicht nur Steffi Graf. Ich finde, der Rest der Welt kann sich an Deutschland oft ein Beispiel nehmen.

Wie meinen Sie das?

Jedes Mal, wenn ich nach Deutschland komme, bin ich aufs Neue inspiriert, wie schnell und wie kraftvoll Ihr Land nach dem Krieg wieder aufgebaut wurde. Deutschland baut die besten Autos der Welt. Es sind Autos mit Integrität und hohen Standards. In Ihrem Land musste die Regierung jedenfalls nicht BMW, Volkswagen oder Daimler mit „bail outs“ zur Seite springen, wie das in den USA bei General Motors der Fall war. Mein Eindruck ist: Diese deutschen Erfolgsgeschichten sind mit einer Denkart, einer Haltung zu erklären. Die Grundlage dafür ist auch, dass die Deutschen in Ausbildung, in die Menschen in ihrem Land investiert haben. Und das sehr diszipliniert. Disziplin kann sehr schön sein, in der richtigen Dosierung. Und davon kann der Rest der Welt durchaus lernen. In den Favelas von Rio beispielsweise gibt es keine Disziplin, nur Chaos, Verwirrung und Wut. Ich kann gut verstehen, dass die Brasilianer wegen des Missverhältnisses zwischen teuren Stadien-Neubauten und maroden Krankenhäusern und Schulen auf die Straße gegangen sind.

Bei Ihrem WM-Auftritt in Rio spielen Sie in einem der größten Stadien der Welt vor 75.000 Zuschauern. Als vor 45 Jahren Ihre Welt-Karriere in Woodstock begann, hatten Sie fast eine halbe Million Menschen auf einem Acker vor sich. Schauen Sie sich die Filmaufnahmen von damals ab und zu noch mal an?

Ja. Und jedes Mal, wenn ich den Woodstock-Film anschaue, danke ich Gott, dass ich dort spielen konnte. Ich war in der Stratosphäre.