Ermittlungen

Fall Cooper: Mutter gerät in Verdacht

Nach dem Hitzetod des kleinen Jungen prüft die Polizei, ob die Eltern einen mörderischen Plan vollendet haben. Viele Fragen bleiben offen

War es ein fataler und unverzeihlicher Unfall oder ein eiskalt geplanter Mord eines Vaters, gar eines Ehepaars? Der Fall des 22 Monate alten Cooper H., der im Juni in brütender Wärme in einem Auto im amerikanischen Atlanta einen qualvollen Hitzetod starb, beschäftigt auch drei Wochen nach der Tragödie die USA. Nach der Mordanklage gegen den Vater, Justin Ross H., dem bei einer Verurteilung die Todesstrafe droht, gerät jetzt auch die Mutter immer stärker unter Verdacht. Wusste Leanna H. von dem teuflischen Plan ihres Mannes? Hatten sie ihn gar zusammen entwickelt und durchgeführt? Ist sie seine Komplizin, zumindest eine Zeugin oder nur eine liebende Frau, die ihren Ehemann nicht verlieren will? Die Polizei nennt das Verhalten der 30-Jährigen zumindest „seltsam“, wenn nicht „verdächtig“. „Wir haben in diesem Fall noch viel Arbeit vor uns“, sagt Staatsanwalt Vic Reynolds.

„Die Behörden haben noch nicht genug Indizien, um die Mutter zur Mittäterin zu machen“, sagt Esther Panitch, eine Strafverteidigerin, die den Fall intensiv verfolgt, in einem Gespräch mit der Zeitung „Atlanta Journal-Constitution“. „Ich möchte betonen, noch nicht.“ Das reine Wissen über ein Verbrechen sei rechtlich nur schwer zu verfolgen. Doch wer einen Mord vertuschen will, werde dafür bestraft. Einen Haftbefehl gegen die Mutter gibt es bisher jedoch nicht. Doch die Ermittler haben viele unbeantwortete Fragen.

Warum hat sich Leanna H., eine Ernährungsspezialistin aus Tuscaloosa in Alabama, wo auch ihr toter Sohn mittlerweile beerdigt wurde, so sehr für den Hitzetod von Kleinkindern in Autos interessiert? Die Polizei hat Beweise dafür, dass die Mutter wie ihr Mann nur wenige Tage vor der Tragödie im Internet zu diesem Thema recherchiert hat. Ihre Erklärung, dass das ihre „größte Angst“ gewesen sei, scheinen die Ermittler ihr nicht abzunehmen.

Auch Leanna H.’s eher emotionsloses Verhalten in diesem Fall stößt bei den Ermittlern auf Misstrauen. So habe sie laut Polizei sehr gelassen reagiert, als sie in der Kindertagesstätte erfuhr, dass ihr Mann ihren Sohn dort nicht abgegeben habe. „Kein Problem, Ross muss ihn im Wagen vergessen haben“, soll sie gesagt haben. Und als sie später ihren Mann auf der Polizeistation traf, soll sie „sehr ruhig“ seinen Erzählungen zugehört haben. Sie habe noch nicht einmal geweint. Am Ende soll sie Justin Ross H. nur gefragt haben: „Hast du den Beamten zu viel erzählt?“

Selbst die Mutter von Leanna H. wunderte sich später über die Kälte ihrer Tochter. „Warum weinst du nicht?“, soll sie gefragt haben, als sie von ihrer Tochter hörte, dass der Enkel tot sei. Leanna H. antwortete daraufhin kurz: „Ich muss wohl unter Schock stehen.“ Die Polizei konnte Teile dieses Telefonats offenbar mithören.

Ähnlich emotionslos saß Leanna H. auch in der vergangenen Woche im Gerichtssaal, als der Staatsanwalt detailliert den grausamen Tod ihres Sohnes beschrieb und ein Richter von der Möglichkeit der Todesstrafe für ihren Mann sprach. Auch das Doppelleben von Justin Ross H. ließ sie eher kalt. Wusste sie, dass der 33-Jährige sie mit gleich mehreren Frauen betrog, darunter auch mit Minderjährigen? Ahnte sie, dass ihr Mann ein neues Leben beginnen wollte und dass dafür ihr gemeinsamer Sohn im Weg stand?

Beobachter im Gerichtssaal beschrieben Leanna H. als kühl. Sie habe vor sich hingestarrt und soll Kaugummi gekaut haben. Emotionen habe sie eigentlich nie gezeigt. Erst als die Frage nach einer möglichen Freilassung ihres Mannes auf Kaution zur Sprache kam, war sie sehr aufmerksam und habe sich am Arm einer Freundin festgehalten. Als der Richter die Freilassung von Justin Ross H. verweigerte, soll dieser laut Polizei aus der U-Haft Anweisungen an seine Frau gegeben haben wie sie die beiden Lebensversicherungen für Cooper kassieren könne. Er hatte zwei Policen über insgesamt 27.000 Dollar auf seinen Jungen abgeschlossen. Geld, das die überschuldete Familie gut gebrauchen kann.

Als „zumindest seltsam“ stufen die Beamten auch ihr Verhalten während der Beerdigung von Cooper in Tuscaloosa ein. „Ich vermisse meinen Sohn sehr“, sagte die als sehr religiös beschriebene Leanna H. vor den 250 Trauernden. „Doch selbst wenn ich könnte, würde ich ihn nicht ins Leben zurückholen. Er ist jetzt an einem friedlichen und wundervollen Platz.“

Ungewöhnlich waren auch ihre Worte über die „Schmerzen des Lebens“, die ihr Sohn jetzt nicht mehr ertragen müsse. Sie sei glücklich, dass Cooper jetzt den Tod seiner Großeltern und seiner Eltern nicht mehr erlebe, sagte Leanna H. Auch sein erster Liebeskummer werde ihn nicht schmerzen.

Leanna H. dürfte in dem Prozess gegen H. für die Staatsanwaltschaft eine wichtige Zeugin werden. Ihre Aussage darf sie nicht verweigern. „Wenn wie in diesem Fall ein Kind durch häusliche Gewalt ums Leben kommt, gibt es im Bundesstaat Georgia kein Recht darauf“, sagt Strafverteidigerin Ester Panitch. „Die Ehefrau muss gegen ihren Mann aussagen, selbst wenn sie ihn und sich selbst damit belastet.“ Die Juristin rät: „Leanna H. sollte so schnell wie möglich einen Deal mit dem Staatsanwalt machen, bevor er noch mehr Beweise gegen sie in der Hand hält.“