Geschichte

Reise in die Jugend

Die erste Jugendherberge der Welt öffnete vor 100 Jahren. Von Schlafsälen, Tee und Waschräumen

Alles begann in einer Gewitternacht. Im Sommer 1909 unternahm Richard Schirrmann, Lehrer im westfälischen Altena, mit seiner Klasse eine mehrtägige Wandertour. Bei einem aufkommenden Gewitter fanden sie Unterschlupf in einer leeren Dorfschule. „Das Unwetter tobte während der ganzen Nacht mit Blitz und Donnerschlag, mit Sturm und Wolkenbruch und Hagelprasseln, als wenn die Welt untergehen sollte“, notierte Schirrmann. Da überfiel ihn der Gedanke: Jeder „wanderwichtige Ort in Tagesmarschabständen“ müsste „eine gastliche Jugendherberge zur Einkehr für die wanderfrohe Jugend“ haben.

Eine weltumspannende Idee war geboren: Vor 100 Jahren, am 27. Juni 1914, eröffnete auf Burg Altena, hoch über dem Fluss Lenne im märkischen Sauerland, die weltweit erste dauerhafte Jugendherberge. Und Schirrmann, der seit 1909 für seine Idee geworben und in den Ferien immer wieder Schulgebäude in provisorische Jugendherbergen umgewandelt hatte, wurde der erste Herbergsvater. Doppelstockbetten, große Schlafsäle und Hagebuttentee: Drei Autoren erinnern sich an Jugendherbergen in aller Welt.

Geister im Schlafsaal Ein Schloss auf einem Hügel, die Einfahrt durch einen Torbogen, innen Marmorkamine sowie -statuen – und das alles zum studentenfreundlichen Jugendherbergstarif. Noch viel mehr aber lockte uns etwas anderes, als ich gemeinsam mit zwei Freundinnen von Edinburgh aus in die Highlands fuhr: Carbisdale Castle hat gleich mehrere jugendherbergseigene Schlossgeister. Neben der schon fast obligatorischen weißen Frau sollen mehrere Gefallene der Schlacht von Carbisdale durch die Gänge spuken, aus den Felsen unter dem Schloss wurden unerklärliche Dudelsackklänge vernommen.

Kein Wunder bei einem Gemäuer, dem seine Bauherrin den Beinamen „Schloss der Bosheit“ eintrug. Nachdem die Kinder des 18. Earl of Sutherland die verhasste Witwe ihres Vaters von seinem Besitz verbannt hatten, ließ sie ihr neues Zuhause angeblich extra so bauen, dass die Familie bei jeder Reise gen Süden daran vorbei musste. Der nächste Besitzer schenkte es der Scottish Youth Hostels Association (SYHA). Die Geister ließen sich bei unserem Besuch nicht blicken, und während anderswo die Jugendherbergen in den 90er-Jahren schon Vierbettzimmer mit eigenem Bad hatten, gab es im Schloss einen Schlafsaal mit 16 Betten. Trotzdem wollte ich im vergangenen Jahr noch einmal hin, diesmal mit gespensterbegeistertem Kind. Und stellte fest: Carbisdale Castle ist geschlossen. Nicht etwa der Geister wegen – die SYHA kann die Renovierung nach schweren Frostschäden nicht bezahlen.

Hagebuttentee auf Arabisch Sommer 1982. Hurra, ich habe mein Abitur in der Tasche, jetzt nichts wie weg und zwar so weit wie möglich. Das InterRail-Ticket erlaubt Reisen vom Nordkap bis ins südliche Marokko und ich will die Wüste sehen. Tanger, Fez und Marrakesch. Die Krönung wäre jetzt noch die Besteigung des Djebel Toubkal. Am Fuß des Atlas-Massivs liegt der kleine Ort Asni – und er hat sogar eine Jugendherberge. Die Übernachtung kostet so gut wie nichts, umgerechnet waren es zwei D-Mark.

Doch mehr war es auch nicht wert. Das Achtbettzimmer hatte den Charme einer Kaserne. Das Frühstück bestand aus Toast und Margarine. Doch das Panorama mit dem 4167 Meter hohen Berggigant war es wert. Und dann wurde ich im Hof der Jugendherberge von einem netten Marokkaner auch noch auf einen Tee eingeladen. Ich müsse nur mit in sein Haus kommen. Toll, die berühmte arabische Gastlichkeit! Direkt nach dem dünnen Tee gab es jedoch den Wunsch, dass ich meinerseits etwas gebe, nämlich mein Geld: Herrliche Silberwaren und wunderbare Teppich breiteten sich vor mir aus und mir wurde klar gemacht, dass ich gefälligst etwas zu kaufen habe! Das Silber war nur Blech und die Teppiche irre teuer. Ich konnte mich mit dem Kauf eines kleinen Armbandes aus der Verpflichtung lösen und mich schnell in mein Zimmer in der Jugendherberge retten. Asni, du Perle des Atlas, ich vergesse dich niemals!

Waschräume im Militärstil Das Mobiliar unseres Zimmers stammte, vermute ich, aus den 60er-Jahren – wobei ich zugebe, nicht wirklich zu wissen, wie DDR-Möbel dieser Zeit aussahen. Die Tapeten in breiten beige-braunen Streifen lösten sich hie und da von den Wänden. Der Waschraum erinnerte mich an meine Bundeswehrzeit Ende der 70er-Jahre. Oder an eine Jugendstrafanstalt? Wir durchstreiften die Zimmer, Waschräume, Sitzecken, Toiletten und den Frühstücksraum. Außer uns und dem jungen Mann an der Rezeption schien die Jugendherberge verwaist. Das hatte sie nicht verdient, sie war sehenswert – wirklich! Frühstück gab es zwischen fünf und acht Uhr morgens, da war es nur konsequent, die Herberge um 22 Uhr abzuschließen. Der Kontrast war groß zu den Hostels in Neuseeland, die wir einige Monate zuvor kennengelernt hatten.

Modern war eines: der Preis. Er bewegt sich auf Westniveau. Das dürfte manchen Gast verärgern, der denkt: Das Deutsche Jugendherbergswerk könnte vielleicht erst mal in modernes Mobiliar investieren, bevor es die Preise an den Westen angleicht. Uns gefällt die Reise in die DDR-Vergangenheit trotzdem.