Interview

Einfach Oberklasse

Julian Fellowes, Erfinder der Serie „Downton Abbey“, über Klassendenken, Aufstiegschancen und weitere Staffeln

Am Eingang des britischen Oberhauses wartet Julian Alexander Kitchener-Fellowes, Baron Fellowes of West Stafford. Er lädt standesgemäß zum Tee im Speisesaal der Lords. Doch Abgeordneter zu sein ist für den 64-Jährigen nur Nebenberuf. Als Drehbuchautor nennt er sich Julian Fellowes. Sein Drama „Downton Abbey“ ist eine der erfolgreichsten Serien aller Zeiten.

Berliner Morgenpost:

Denken wir an Großbritannien, wissen wir trotz allen Respekts vor der langen Geschichte der Demokratie, dass es immer noch die Klassengesellschaft gibt. Wie fühlt es sich an als Aristokrat in diesen Tagen?

Julian Fellowes:

Klasse ist immer noch Teil der englischen Kultur. Für mich ist am traurigsten, dass es durch die Mängel und sinkenden Standards unserer staatlichen Schulen in den letzten 50 Jahren nicht gelungen ist, dieses Klassensystem zu verändern. Im Gegenteil: Es ist alles noch verschlossener als in den späten Sechzigerjahren. Damals gab es in jeder Schule eine Leiter, die man hochklettern konnte. Diese Leitern sind heute verschwunden. Nur in den Privatschulen gibt es Strenge, nicht mehr im staatlichen Bildungssystem.

In „Downton Abbey“ gibt es aber viel Ordnung. Ist die Serie so erfolgreich, weil es es ein klares Oben und Unten gibt?

Ich glaube, viele Menschen leben in wirklich schwierigen Zeiten. Sie haben Angst um ihren Job, Angst, sich zu verlieren. Da ist es verlockend, auf eine Zeit zurückzublicken, die sicherer erscheint. Aber bei genauerer Betrachtung war es ja auch keine ruhige Zeit. Denn wir zeigen doch gerade die immensen Veränderungen besonders in der Rolle der Frau, vor und nach dem Ersten Weltkrieg. Veränderungen, die alles umwälzten.

Wo endet es? Mit dem Zweiten Weltkrieg? Sie schreiben gerade an der fünften Staffel.

Ich bezweifle, dass wir die Zwanziger verlassen werden. Die Dreißigerjahre sind schwierig mit dem ganzen Nazi-Sujet. Ich mag lieber Themen, bei denen man vernünftige Menschen auf beiden Seiten reden hört. So ist das meist in „Downton“, man versteht immer beide Seiten, seien es die Dienstboten oder die Herrschaft. Und wie es so ist beim Drama: Man weiß nicht recht, auf welcher Seite man ist.

Sie haben mit der Serie alle Rekorde gebrochen. Selbst das chinesische Fernsehen bringt sie.

Wir wussten von Anfang an, dass die Serie etwas Besonderes ist. Aber vom Erfolg waren wir doch überwältigt. Es ist die erfolgreichste britische Serie überhaupt, und sie ist auch weltweit enorm beliebt. Es ist schön, die Darsteller anzusehen, eine Wonne, ihnen zuzuhören. Aber am wichtigsten ist: Die Charaktere sind alle gute Menschen, die versuchen, das Beste zu tun. Ich denke, die meisten Menschen sind so, sie wollen ihr Bestes geben.

Es gibt aber auch einige weniger nette Zeitgenossen. Wie etwa Thomas, den schwulen Diener, oder O’Brien, die rechte Hand Ihrer Ladyschaft. Wären alle lieb, wäre die Welt auch nicht in Ordnung.

O’Brian war ganz schön böse. Aber das ist auch eine Wahrheit des Lebens: dass die Bediensteten immer mehr von den Herrschaften wussten als umgekehrt. Im Falle von Thomas ist es anders. Er ist schwul in einer Zeit, wo dies ein krimineller Akt ist, der ihn ins Gefängnis bringen kann. Das wissen viele junge Leute heute nicht mehr, dass Homosexuelle bis in die Sechzigerjahre verfolgt wurden. Ein Bier zu viel im Pub, eine zweideutige Geste, und du landest in der Zelle. Nein, Thomas ist nicht unsympathisch.

Die immer noch männliche Erblinie ist das eine Thema, und dann natürlich die ewige Spannung zwischen Alter und Neuer Welt.

Ich bin an dieser Spannung wahnsinnig interessiert. Deswegen ist Cora, die Amerikanerin, von zentraler Bedeutung. Mit ihrem Geld rettet sie anfänglich die Crawleys, und sie ist immer toleranter als die Engländer. Amerikaner haben einfach andere Antworten. Ihre Klassengesellschaft hat sich sehr smooth ins 21. Jahrhundert bewegt. Europäer sagen immer, es gebe keine Klassen in Amerika. Das ist absoluter Quatsch. Aber die Amerikaner hatten nie das Bedürfnis, sich im Erfolg von der Quelle ihres Geldes zu entfernen. Die Engländer kauften sich hingegen einen Landsitz, erhielten einen Adelstitel und spielten dann den Gentleman. Sie entzweiten sich von ihrer Arbeit. Die Amerikaner, zum Beispiel ein großer Banker wie Frick, gingen weiter jeden Morgen ins Büro. Sie liebten die Disziplin der Arbeit.

Werden Sie eine sechste Staffel entwickeln?

Mittlerweile glaube ich wohl, denn die vierte Staffel hatte noch mehr Zuschauer als die davor. Und unser Business besagt, dass man nicht aufs Ende zusteuert, wenn es noch aufwärts geht. Also, es wird noch eine Staffel geben. Mindestens.

Sie kommen aus einer Adelsfamilie mit fünf Söhnen. Sie und zwei Ihrer Brüder sind in der Filmbranche .

In den Sechzigern galt die Devise: Alles ändert sich. Und zwar heftig. Die Kleider, alles. Meine Mutter war viel anarchistischer als mein Vater, der traditioneller war. Er spürte, dass seine Welt zu existieren aufhörte. Unser Vater sagte irgendwann: „Wenn ihr schon Geld verdienen müsst, um euren Lebensunterhalt zu ermöglichen, dann soll es wenigstens Spaß machen.“ Als Kind erlebte ich, wie Traditionslinien in den Fünfzigern endgültig zu Ende gingen. Der alte Butler setzte sich zur Ruhe oder starb und wurde nicht ersetzt.

Haben Sie Angst vor dem Ende der Serie?

Ich glaube, dass einige Leute sehr irritiert sein werden, wie alles zu Ende geht. Mehr sage ich aber nicht. Ich habe erst mit 50 angefangen, Drehbücher zu schreiben. Und nun habe ich die erfolgreichste Serie der Welt geschrieben! Das ist alles so eigenartig. Wie konnte das geschehen, frage ich mich immer noch manchmal.