Unglück

Forscher gerettet – Höhle gesperrt

Johann Westhauser nach spektakulärer Bergung in Sicherheit. Kostenfrage noch offen

Als alles vorbei war, applaudierten alle, die seit Tagen vor der Einsatzzentrale der Bergwacht Berchtesgaden gewartet hatten: Um 11.44 Uhr wurde Johann Westhauser, 52, aus dem Schacht gezogen, durch den er kurz vor Pfingsten eingestiegen war. Elf Tage, zehn Stunden und 14 Minuten nachdem ihn ein Stein in 1000 Metern Tiefe am Kopf traf, erblickte der Höhlenforscher wieder das Tageslicht.

Die letzten Meter waren an Dramatik kaum zu überbieten. Noch am Mittwoch war Bergwachtschef Norbert Heiland optimistisch, dass die kroatischen und österreichischen Retter zwischen 22 Uhr und den frühen Morgenstunden den finalen Aufstieg durch einen 180-Meter-Schacht bewältigt haben würden. Dort musste der Schwerverletzte frei schwebend mit Muskelkraft hochgezogen werden, denn eine Seilwinde mit Motor wäre wegen möglicher Erschütterungen zu riskant gewesen. Tatsächlich hingen sie am Donnerstagmorgen noch in einem Not-Biwak kurz vor dem regulären Biwak 1 fest.

„Der Zustand des Patienten war unser Hauptentscheidungskriterium“, sagte Andy Scheurer von der schweizerischen Speleo-Secours dazu. „Es war uns wichtig, dass man immer wieder Ruhe reinbringen kann.“ Schließlich hatte Johann Westhauser die größte Höhlenrettungsaktion aller Zeiten, deren Dimension Bergwachtschef Heiland mit dem Corti-Drama von 1957 in der Eiger-Nordwand verglich, mit einem Schädel-Hirn-Trauma bei vollem Bewusstsein erlebt. Letztlich war dies sogar ein Grund für die erfolgreiche Bergung des Patienten. Einsatzleiter Klemens Reindl lobte seine „mentale Stärke“ und erklärte, wie man ihn auf den Ausstieg vorbereitete: „Wir haben ihn unter Spannung gehalten, denn es ist eine gefährliche Situation, wenn die Spannung auf einmal abfiele.“

Doch es kam nicht zu einem Kreislaufkollaps, als die Retter die Trage mit Johann Westhauser um 11.44 Uhr über einen Flaschenzug hinaufzogen und dann von Hand zu Hand in ein Zelt in 1834 Metern Höhe trugen. Nur wenige Minuten benötigten die Ärzte, um den Allgemeinzustand des Patienten zu untersuchen. Um kurz nach 12 Uhr hob dann der Eurocopter-Hubschrauber der Bundespolizei ab und flog in Richtung Salzburg davon. Westhauser soll nun in Murnau am Staffelsee weiter behandelt werden.

Damit ging „ein Stück alpiner Rettungsgeschichte“ zu Ende, hieß es am Nachmittag im Feuerwehrhaus von Berchtesgaden. Erleichtert klatschten sich die 202 Höhlenretter aus fünf Nationen ab. „Selbst die stärksten Kerle hatten eine Träne in den Augen“, schilderte Markus Schafheutle von der österreichischen Höhlenrettung die Situation. Nach und nach wurden dann alle Helfer vom Untersberg ins Tal geflogen, die Riesending-Schachthöhle wurde von der Polizei zum Tatort erklärt. Wenn die Ermittlungen abgeschlossen sind und alle verbauten Seile und das Funksystem Cavelink aus den Schächten geborgen worden sind, soll der Eingang verriegelt werden. „Ich stehe ausdrücklich dahinter, dass der Zugang zu dieser Höhle versperrt wird und in Zukunft nur noch in Ausnahmefällen für Forscher zugänglich ist“, sagte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann. Man wolle so einem Risiko-Tourismus vorbeugen – auch, um die Rettungskräfte zu schützen.

Über die Kosten der gewaltigsten Rettungsaktion am Berg, die Bayern je erlebt hat, wollte am Tag der Rettung noch niemand spekulieren. „Es wird eine Rechnung geben“, war alles, was sich Einsatzleiter Reindl entlocken ließ. Vorerst überwog die Euphorie darüber, dass die Bergung aus dem Inneren des Untersbergmassivs geglückt war.

Westhauser hat die Strapazen seiner Bergung „den Umständen entsprechend gut“ überstanden. Mit Bananen, Müsliriegeln und Astronautennahrung war er bei Kräften gehalten worden, während er durch wenige Zentimeter breite Schächte geschoben und teilweise vertikal an einem Seilzug nach oben gezogen wurde. Ironie des Schicksals: Westhauser hatte dieses „Riesending“ vor zwölf Jahren bei Erkundungen mit der Arbeitsgemeinschaft für Höhlenforschung Bad Cannstatt entdeckt und erkundet. Mit der Reha beginnt für ihn nun der lange Weg zurück ins Leben.