Höhlenforschung

Die Vermessung der Unterwelt

Der Unfall eines Forschers zeigt, wie gefährlich Höhlen sind. Warum steigen Menschen hinab?

Hinein. Hinunter. Hinab. Am Seil geht es durch den Schlot, Kälte zieht von unten herauf wie aus der geöffneten Gefriertruhe. Kann nichts passieren, sagt der Mann oben am Seil. Bloß die Beine einfach hängen lassen, möglichst nichts tun. Der Besucher sinkt. Durch die Höhlendecke, dann frei hängend ein paar Meter weiter. Der Boden ist glitschig. Stand.

Die Stirnlampe erhellt den Raum der Jettenhöhle, der Blockkluft genannt wird. Eine Halle mit gewaltigen Felsbrocken, an den Wänden Glitzer. Es riecht nach Moder und kaltem Stein. Und Tropfen sind zu hören, tropf, tropf, tropf, überall. So intensiv, dass man es als Stille empfindet. Wer die Lampe einmal ausschaltet, sieht die absolute Dunkelheit, wesentlich dunkler als alles, was man in der Nacht im Wald sehen kann. Es dauert ein paar Minuten, bis dünner Lichtschein zu erkennen ist, der zu den Höhlenforschern gehört. In dieser Zeit steht man umhüllt von undurchdringlichem Schwarz und fragt sich: Was um alles in der Welt soll man hier? Und warum Höhlen?

Dann erscheinen zwei Männer mit Antworten. Stephan Kempe, 64, ist Höhlenforscher und Professor für Geologie in Darmstadt, und Ingo Bauer, 47, sein Doktorand und obendrein noch ausgebildeter Höhlenretter. Sie untersuchen Höhlen im Harz, die mit 160 begehbaren Metern eher kleine Jettenhöhle ist normalerweise unzugänglich, Steinschlag droht. Die Männer kennen die Höhle gut, aber es gibt genug zu tun. Höhlenforscher sind Wiederholungstäter, das lernt man schnell, sie gehen mit Leidenschaft in ihre Höhlen. Kempe sagt, wenn sie genau hinsehen, finden sie immer wieder etwas Neues. Er bückt sich und hebt einen Feuersalamander auf. Ah, sieh an.

Schmuzig, aber happy

Bauer sagt, das Glitzern an den Wänden kommt vom Marienglas, das sind Gipskristalle. Er schreibt seine Doktorarbeit über Vergipsungsprozesse. Sein Erweckungserlebnis ist typisch: In der Schule gab es einen Ausflug in die Falkensteiner Höhle auf der Schwäbischen Alb, der Lehrer hatte keine Ahnung von Höhlen, die Schüler stolperten mit Fackeln in der Hand durch die Höhle. Ingo Bauer war sofort angefixt. Sein Ding.

Seit einer Woche wird in Deutschlands längster und tiefster Höhle in den Bergen bei Berchtesgaden versucht, einen verletzten Höhlenforscher zu retten. Die Riesending-Höhle ist ein weitläufiges System von Hallen, Gängen, Seen, Schächten, längst nicht vollständig erforscht. Der Mann wurde in 1000 Metern Tiefe von einem Stein getroffen. Die Rettung ist komplex und gefährlich – außergewöhnlich.

Die Höhlenforscher-Szene ist überschaubar und bis auf wenige Fälle unauffällig. Es sind halt – überwiegend – Männer, die in ihrer Freizeit in dunklen Löchern herumwühlen, dort zuweilen übernachten und sich in jedem Fall ordentlich dreckig machen. Sie tragen Gummistiefel und Overalls, die sie liebevoll „Mein Schlatz“ nennen. Wer die Bilder von Höhlenforschern anschaut, erkennt sofort, was die Männer antreibt. In der Regel werden Fotos nach dem Ausstieg gemacht. Die Gesichter ähneln sich. Auf allen ist zufriedene Erschöpftheit zu sehen, aber auch dieser selige Ausdruck von Glück, wie nach dem ersten Ausprobieren der neuen Modelleisenbahn. Zurück aus der Tiefe, hurra. Entdeckerlust und Mut. Forscherdrang und Eigensinn. Schmutzig, aber happy.

Wir gehen zu einem engen Spalt, zwängen uns durch in den Hübichsaal, der nach dem Zwergenkönig Hübich benannt ist. Keine Höhle ohne Sagen von schlafenden Königen und vergessenen Zwergenreichen. An ein paar Stellen steht Wasser. Die Männer nehmen Proben, das Wasser ist gut sieben Grad Celsius kalt, also wärmer als die vier Grad kalte Luft. Das zeigt: Das Wasser kommt von unten, aus dem Grund.

Höhlenforscher nehmen sich viel Zeit. Ihre Expeditionen dauern lange, die Riesending-Höhle wird seit 2002 erforscht, in die drittgrößte Höhle, die Blautopfhöhle, gehen die Forscher alle 14 Tage, von März bis Oktober. Der Rest ist Fledermaus-Schonzeit.

Die Forschung verlängern, beschreibt Kempe den Reiz. Er meint: Neues finden. Das ist der Traum. Unentdeckte Gänge, Hallen, Verbindungen, wo bisher keine waren. Man muss nicht auf ferne Kontinente ziehen. Das Unbekannte liegt hier in der Erde. 11.000 Höhlen gibt es in Deutschland, die meisten davon sind klein. Das Unwirtliche wird zur Attraktion.

Forschungsneugierde und Vorzeigestolz: Kempe ist gut gelaunt. Er zeigt auf Steine, doziert über Hydration, über Mineralien, erklärt chemische Prozesse, als sei das Wissen über den Eisenkalk Siderit so selbstverständlich wie die Straßenverkehrsordnung. Seit fast fünf Jahrzehnten geht Kempe in Höhlen, mehrere hundert hat er weltweit untersucht. Ist nie was passiert, sagt er. Er führt noch einen Saal weiter zu einer Ecke, dort beginnt der Verbindungsgang. Kempe hockt sich mit den Füßen zuerst in eine Spalte, als wolle er in der Badewanne liegen und schiebt sich nach vorne. Weg ist er.

Der Gang ist grotesk eng, es geht auf dem Rücken kriechend vorwärts, der Helm stößt an die Felsen. Nach ein paar Metern wird an einer Spalte die Richtung geändert, jetzt kriecht man auf dem Bauch mit dem Kopf zuerst. Es ist enorm anstrengend und psychisch belastend. Geburtskanal-Phantasien. Klaustrophobische Vorstellungen. Was, wenn wir stecken bleiben? Könnte man hier einen Verletzten retten wie in der Riesending-Höhle? Schreckliche Aussicht. Kempe vorne redet munter weiter.

Sicherheit ist wichtig in der Höhlenforschung. Es wird an alles gedacht, an Material, an Proviant, an Versorgung, an Wärmedecken. An den Rückweg. Kempe hat als Jugendlicher angefangen, Höhlen zu erkunden. Mit 17 vermaß er die Jettenhöhle neu, er kam aus Hamburg mit dem Rad, zu zweit erstellten sie einen noch heute gültigen Plan, das Winkelmessinstrument hatten sie selbst gebaut. Die Schüler gewannen so bei „Jugend forscht“, das Geologie-Studium kam später. Wir sind alle Amateure, sagt Kempe über die Höhlenforscher. Es sind Ingenieure, Naturwissenschaftler, Lehrer, Selbstständige.

Höhlenforscher sind geduldige Menschen. Die Arbeiten ziehen sich. Nach sechseinhalb Stunden sind die Scans gemacht, die Proben genommen. Draußen ist Mitternacht, ein fast perfekter Vollmond scheint über dem Harz, der Waldrand hebt sich schwarz vom Himmel ab. Am glücklichsten ist man, wenn man rauskommt, sagt Kempe. Auch er hat das selige Lächeln im Gesicht.

Darum Höhlen.