Brauch

Paris hat’s schwer mit der Liebe

Eine Initiative gegen Schlösser von Paaren auf Brücken findet immer mehr Unterstützung

Eine japanische Touristin dreht den Schlüssel des Vorhängeschlosses um und hält ihn triumphierend hoch. Ihr Freund filmt mit seinem Mobiltelefon, wie die junge Frau den Schlüssel in die Seine wirft. Unauflöslich soll ihre Liebe sein, so untrennbar wie das Schloss von dem Brückengeländer. Wenn das mal kein böses Omen ist! Denn Lisa Anselmo und Lisa Taylor Huff, zwei in Paris lebende Amerikanerinnen, tun gerade alles dafür, um dem Liebesschlossgewucher auf den Pariser Brücken ein Ende zu setzen. Unter dem Motto „No lovelocks“ haben sie einen Appell im Internet gestartet, den mittlerweile mehr als 7000 Menschen unterschrieben haben.

Am Pfingstsonntag passierte, was passieren musste: Ein Teil des Geländers des berühmten Pont des Arts, der Künstlerbrücke, brach unter der Last der Schlösser zusammen. Mit dem Titel „Die Last der Liebe“ verbreitete sich ein Foto der von der Polizei umgehend geräumten Brücke auf Twitter und löste einen wilden Kommentarsturm aus. Die neue Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo steht nun mächtig unter Druck: Soll sie den eisernen Liebesbekundungen im Namen des Denkmalschutzes Einhalt gebieten? Oder soll sie lieber an all das Geld denken, das die Touristen bringen und darüber hinwegsehen, dass Pärchen aus aller Welt die Pariser Brücken verschandeln?

„Wir sollten über das Phänomen mal nachdenken, um Alternativen anzubieten, die künstlerisch, solidarisch und ökologisch zugleich sind“, heißt es wenig konkret auf der Website der Bürgermeisterin. Ihr Kulturbeauftragter Bruno Julliard merkte an: „Wir werden weiter Gitter entfernen.“ Die Polizeipräfektur sei zudem gebeten worden, gegen die Verkäufer auf den Brücken vorzugehen, die Touristen auf den Brücken Vorhängeschlösser anbieten.

Früher brachten Verliebte von Reisen Souvenirs mit nach Hause, heute scheinen sie eher das Bedürfnis zu haben, etwas Bleibendes an ihrem Reiseziel zu hinterlassen. „Die Schlösser sind wie eine biblische Plage auf die Brücken und historischen Orte von Paris herabgekommen“, kritisieren die beiden Lisas in ihrem Aufruf. „Das Herz von Paris wurde regelrecht verunstaltet“. Es bilden sich immer mehr Trauben von Schlössern, die an anderen Schlössern befestigt werden. Was für eine Symbolik: Auf dass die Liebe von „K&L“ genauso lange halte wie die von „R&J“. Und wie viele Schlüssel sich auf dem Boden der Seine befinden, mag man gar nicht schätzen.

Die Zeitung „Le Monde“ schätzt, dass etwa 700.000 Schlösser an den Pariser Brücken hängen. Gewicht: etwas 300 Kilo pro Geländermeter.

Paris steht mit dem Schlossproblem nicht allein. Niemand weiß, wo genau der Brauch entstanden ist. In Deutschland ächzt die Kölner Hohenzollernbrücke unter der Last. Berlin hat das öffentliche Aufhängen von Schlössern verboten. Moskau hat eiserne Bäume aufgestellt, an denen die Liebesschwurträger angebracht werden sollen. Und an der venezianischen Rialtobrücke werden saftige Bußgelder verhängt, wenn verliebte Touristen beim illegalen Schlüsselwurf in den Canale Grande ertappt werden.