Unfall

Von ganz unten

Der schwer verletzte Höhlenforscher ist transportfähig. Dutzende Retter bereiten sich jetzt auf die äußerst komplizierte Bergung vor

In der Riesending-Schachthöhle bei Berchtesgaden bereiten zwei Ärzte die Rettung des schwer verletzten Forschers Johann Westhauser vor. Der 52-jährige Stuttgarter ist nach Einschätzung der Mediziner transportfähig. Wann und wie genau der Mann nach oben gebracht wird, war aber zunächst offen. „Wann der Transport beginnt, entscheidet der Arzt“, sagte ein Mitarbeiter der Bergwacht.

Jetzt kommt der wohl schwierigste Teil der Rettungsaktion. Johann Westhauser, der eigentlich auf der Intensivstation behandelt werden müsste, soll aus 1000 Metern Tiefe an die Oberfläche gebracht werden. Hauptprobleme sind das extreme Gelände und der Gesundheitszustand Westhausers. Die Retter sehen einer äußerst komplizierten Aufgabe entgegen.

Der Gesundheitszustand

Westhauser hat ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten. Normalerweise sollte er möglichst wenig bewegt und vor allem der Kopf ruhig gehalten werden. In schweren Fällen werden Verunglückte sogar in ein künstliches Koma versetzt. Nun aber muss Westhauser über 1000 Meter Höhe und viele Kilometer transportiert werden. Ohne Erschütterungen und ohne seine Mithilfe an schwierigen Stellen geht das nicht, erläuterte der höhlenerfahrene Notarzt, Anästhesist und Neurochirurg Michael Petermeyer, der das Einsatzteam verstärkt. „Es wird so sein, dass er für gewisse Passagen die Trage verlassen muss, sodass er mit eigener Hilfe durch bestimmte Stellen hindurch manövriert wird.“

Die medizinische Versorgung

Die Diagnostik ist beschränkt. Die beiden Ärzte, die nach Tagen bei dem Verletzten ankamen, konnten keine Röntgenaufnahme oder Computertomografie machen, was sonst der erste Schritt wäre. Sie wissen also nicht genau, wie es im Gehirn aussieht. Für den Transport haben sie spezielle Medikamente bestellt. „Die Ärzte werden jetzt einen medikamentösen Schutzmantel um den Mann legen“, sagte ein Bergwachtsprecher.

Die möglichen Komplikationen

„Darüber möchte ich nicht spekulieren“, sagte Petermeyer. Das Gehirn könnte anschwellen. Die Hauptgefahr dafür besteht normalerweise bis drei Tage nach dem Unfall. Aber niemand weiß, wie die Anstrengung der Rettung sich auswirkt. Medikamente sollen die Gefahr verringern. Zudem kann es eine Gehirnblutung geben. Und dann gibt es die Kälte. „Unterkühlung ist bei jedem Verletzten in der Höhle ein Riesenthema.“ Bisher sei es wegen der optimalen Versorgung nicht dazu gekommen. Teils wird Wärme mit dem Abbrennen von Kohlestäbchen nach einem in Norwegen benutzten System erzeugt.

Der enge Schacht

Es gibt senkrechte Schächte von mehr als 100 Metern, teils 180 Metern Höhe. Normalerweise steigen Höhlenkletterer hier am Seil mit einer sogenannten Steigklemme auf. Dafür ist Johann Westhauser viel zu schwach. Helfer müssen ihn in einer Spezialtrage hochziehen. Je nach den Raumverhältnissen am jeweiligen Standplatz der Retter können sie unter Umständen mit einem Flaschenzug arbeiten. Sie müssen Westhauser durch enge und verwinkelte Stellen bringen. Die Helfer sind aber zuversichtlich: Die Frage, ob Stellen für die Rettung zu eng sind, scheint geklärt: „Wir gehen davon aus, dass wir die Passagen ohne Erweiterung passieren können“, sagte Einsatzleiter Nils Bräunig schon am Mittwoch. Auch glitschige Stellen sind zunehmend ein Problem, denn die vielen Helfer haben den Schlamm verteilt. Deshalb haben sie für die Rettung Fußtritte aus Metallstiften gebaut, Haken gebohrt und Seile gezogen.

Die Retter

Die besten Höhlenretter aus Deutschland, Österreich, Italien und der Schweiz sind da. Der Abstieg in die tiefste und extremste Höhle Deutschlands fordert schon von absolut trainierten und gesunden Höhlenkletterern das Äußerste – wie viel mehr, wenn sie einen Schwerverletzten nach oben tragen müssen. Die psychische Anspannung ist immens. „Sie sind unglaublich erschöpft und mental stark belastet“, schilderte der stellvertretende Chef der Bergwacht Bayern, Stefan Schneider, in diesen Tagen den Zustand derjenigen, die aus der Höhle kamen. Damit immer genug ausgeruhte Retter zur Verfügung stehen, werden die Teams nach einem ausgeklügelten System ausgewechselt. Die Retter hoffen, dass sie jeden Tag eines der vier auf der Strecke eingerichteten Biwaks erreichen.

Das Wetter

Bisher spielt das Wetter mit. Nur einige Gewitter sind angesagt, kein Starkregen. „Das Wetter wird laufend beobachtet“, heißt es bei der Bergwacht. Denn wenn viel Regen fällt, kann das die unterirdischen Gänge und Canyons in Wasserfälle und reißende Bäche verwandeln. Deshalb könnte Regen die Rettung verzögern, wenn Stellen unpassierbar sind oder die Retter durchnässt werden. „Wir kennen die Stellen, wo Wasser läuft, wo Wasserfälle sind und wie diese reagieren“, sagte Schneider. Für die Retter gebe es auf dem Weg sichere Rückzugsmöglichkeiten.