Bühne

Von Marzahn nach Manhattan

Berliner Komikerin Cindy tritt am Broadway auf. Dort überzeugt sie mit ihrem Programm die deutschsprachige Gemeinde von New York

Geht man vom Times Square aus den Broadway entlang nach Norden, steht man bald – genauer: zwischen der 49. und der 50. Straße – vor „Carolines“, einem der ältesten Comedy Clubs in Nordamerika. Karrieren haben hier ihren Anfang genommen: Jerry Seinfeld, Bill Hicks, Jay Leno und Robin Williams haben sich im „Carolines“ zum ersten Mal – nur mit einem Mikrofon ausgestattet – einem illustren Publikum gestellt und es mit einem Feuerwerk aus Witzen und Parodien unterhalten. Touristen verirren sich eher selten ins „Carolines“, dessen Äußeres beinahe unscheinbar wirkt: eine Fassade in den Farben eines Harlekinkostüms.

Doch an diesem Dienstagabend zieht der traditionsreiche Club eine ganze Traube von Menschen an, die Deutsch sprechen. „Sold Out“ steht auf dem Poster des Stars, der hier auftritt, also: ausverkauft – und trotzdem lassen sich die Menschen nicht abwimmeln, sie wollen um jeden Preis herein. Denn am Broadway ist Ilka Bessin zu Gast, besser in ihrer Rolle als Cindy aus Marzahn bekannt.

Die meisten Leute im Publikum des „Carolines“ an diesem Abend sind jung, um die 20 Jahre herum. Und sie muss dieses Publikum nicht erst gewinnen: Begeistertes Klatschen und Hallo begrüßen Ilka Bessin, während sie sich durch das Publikum einen Weg auf die Bühne bahnt – eine blondierte Walküre in einem rosa Trainingsanzug mit ebenso rosa Lidschatten. Cindy aus Marzahn beginnt in einer Sprache, die ältere Semester als „Lübke-Englisch“ bezeichnet hätten – nach einem trotteligen Bundespräsidenten, der solche Sachen sagte wie: „Equal goes it loose“ („Gleich geht’s los“).

Fünf Minuten Lübke-Englisch

Gleich zu Anfang bemerkt Cindy also leutselig zu einem Zuschauer in der ersten Reihe: „You have a wonderful view of my geschlechtsteil“ und schiebt hinterher: „My vagina (deutsch ausgesprochen) is open for you“ – damit es auch wirklich jedermann versteht. Nach circa fünf Minuten Lübke-Englisch wird auf der Bühne dann aber frei von der Leber weg berlinert. Wer kein Deutsch kann, hat sich an diesem Abend im „Carolines“ ganz deutlich in der Adresse geirrt.

Wie erklärt man Cindy aus Marzahn jemandem, der diese Kunstfigur nicht kennt? Es handelt sich um mehrere Zentner schwabbelnden Selbsthass, der von sich selbst behauptet: „Ich kann zwei Fremdsprachen – Deutsch und Ostdeutsch.“ Aus dem Umstand, dass Cindy fett und nicht besonders helle ist, dass sie von Arbeitslosengeld lebt, dass Männer wenig Lust auf sie haben, dass sie zum Fatalismus neigt, wird auf der Bühne noch der letzte Tropfen Witz herausgewrungen: „I am underbirded“, sagt Cindy, „ich bin untervögelt.“

Angereichert wird dies durch allerhand sexuelle Deftigkeiten, etwa wenn Cindy uns bis ins Detail ausmalt, wie es aussah, als sie mit gespreizten Beinen bei ihrer Frauenärztin im Untersuchungsstuhl saß. Geschmackssache, ob man das alles lustig findet. Das deutsche Publikum in New York fand es ganz furchtbar lustig. Und es half der Schauspielerin gern aus, als sie eine „Cola light“ bestellen wollte, ein Getränk, das in Amerika vollkommen unbekannt ist, hier sagt man nämlich „Diet Coke“ dazu.

Natürlich nahm Cindy aus Marzahn auch niemand übel, dass sie sich von der Bühne herunter einzelne Leute im Publikum herauspickte, die sie dann wahlweise mit heißen oder kalten Witzergüssen bedachte, unter ihnen einen Elfjährigen mit dem schönen Vornamen Tilman. Sie sprach ihn jedes Mal direkt an, wenn sie wieder eine besonders deftige Obszönität vom Stapel gelassen hatte und meinte: Diese Pointe müsse Tilman jetzt wohl seiner Mutter erklären, die mit hochrotem Kopf neben ihm sitze.

Wie amerikanisch ist Cindy aus Marzahn? Einerseits sehr, denn sie steht in der guten alten Tradition der ethnischen Komödie, bei der Iren sich über irische Einwanderer, Juden über Juden, Schwarze über Schwarze lustig machen – man denke an Sarah Silverman, an George Carlin, an Chris Rock. Cindys Ethnie ist dabei jene, die Amerikaner mit enormer Herzlosigkeit und ebenso großer soziologischer Treffsicherheit als „white trash“ bezeichnen. Da es diesen „white trash“ nicht nur in der ehemaligen DDR gibt, ließe sich zumindest ein Teil des Programms von Cindy aus Marzahn problemlos ins amerikanische Englisch übersetzen. Eigentlich der einzige Unterschied ist, dass heruntergekommene Weiße in den Vereinigten Staaten nicht in Plattenbauten, sondern in Wohnwagen leben.

Sehr amerikanisch mutet auch Ilka Bessins Lebensgeschichte an: Vor 1989 war sie Köchin in einer Großküche, dann verlor sie ihren Job, dann wurde sie Kellnerin in einer Diskothek und stieg zur Geschäftsführerin auf, dann verdiente sie ihren Lebensunterhalt als Animateurin auf einem Kreuzfahrtschiff, dann wurde sie wieder arbeitslos, endlich stieg sie zum Star auf – mit anderen Worten: Sie ist nach jedem Scheitern immer wieder auf die Füße gefallen und hat sich aus eigener Kraft emporgearbeitet. Leute, die so etwas fertigbringen, werden in der Neuen Welt nicht beneidet, sondern bewundert.

Sehr unamerikanisch ist an Cindy aus Marzahn dann allerdings ihr Tempo. Man denkt, wenn man sie auf der Bühne agieren sieht, an das, was Heinrich Heine einst über den deutschen Donner geschrieben hat: „Der deutsche Donner ist freilich auch ein Deutscher, und ist nicht sehr gelenkig, und kommt etwas langsam herangerollt ...“

Viel Zeit für die Pointen

Hätte das Publikum im „Carolines“ an diesem Abend nicht aus begeisterungswilligen Ausgewanderten, sondern aus Amerikanern bestanden, sie hätten mit Verwunderung zur Kenntnis genommen, wie selten bei einer deutschen Komödiantin die Blitze zucken und wie viel Zeit sie sich für ihre Pointen lässt. Amerikaner sind da ganz anderes gewöhnt: Zack! Und Zack! Und Zackzack! Und noch mal Zack! Am Ende setzte es dann sogar ein tränenseliges Lied, in dem Cindy aus Marzahn die deutschen Politiker beschwor, sie sollten doch die „soziale Gerechtigkeit“ nicht vergessen. Einen Moment lang musste der schreckliche Verdacht dämmern, dies könnte jetzt eventuell ernst gemeint sein. Da ist Sarah Silverman anders. Die singt zur Schrumm-Schrumm-Gitarrenbegleitung (aufgemerkt, Tilman): „I’m fucking Matt Damon.“ Und zur Hölle mit der sozialen Gerechtigkeit.