Fernsehen

Fußball und ein Dorf namens Brasilien

ARD und ZDF moderieren die WM aus Brasilien. Einmal an der Copacabana, einmal an der Ostsee

Es ist gar nicht so weit bis zur Copacabana. Knapp eineinhalb Stunden, von Hamburg über die A 7 bis nach Kiel und dann noch ein paar Kilometer Richtung Nordost. Dann ist man schon da. Badehose im Rucksack, WM-Ball im Kofferraum, es könnte also losgehen. Dirk Osbahr ist auch dabei. Ein freundlicher, bärtiger Holsteiner, den die Menschen hier oben vor gut einem Jahr zum Bürgermeister gewählt haben. Zum Bürgermeister von Brasilien, das als Ortsteil der Gemeinde Schönberg firmiert. Wenn man ganz ehrlich ist, und Dirk Osbahr ist ganz ehrlich, dann besteht Brasilien allerdings nur aus einem großen Parkplatz, einem Imbiss und einem Abschnitt des Schönberger Strandes inklusive der hiesigen Wassersportschule. Aber das macht natürlich nix so kurz vor der WM.

Schließlich hat man auch hier an der Ostseeküste große Pläne für die kommenden Wochen: Unten am Strand, gleich zwischen Buhne 29 und 30, soll ein großer Beachclub hergerichtet werden. Mit Palmen und Fernsehgeräten und Caipirinha. Public Viewing aus Brasilien in Brasilien. Grün-gelb-blaue Fahnen. Alle Spiele live. Dazu Fußball auf Sand. Sonne, Meer und keine Sorgen. Ordem e progresso. Gleich nebenan, am nächsten Strand, hat sich schon der WDR einquartiert. Das „Morgenmagazin“ von ARD und ZDF soll während der WM zum Teil aus Brasilien an der Ostsee gesendet werden. 23 Hotelzimmer sind gebucht, ein Ferienhaus direkt hinter den Dünen wird gerade als Studio eingerichtet. Gerald Asamoah soll ständiger Studiogast sein; auch Arnd Zeigler aus der „Wunderbaren Welt des Fußballs“ ist mit von der Partie. Dazu weitere Kickergrößen.

Aber, psst, das alles ist hier noch geheime Kommandosache. Wer es sein wird, weiß noch nicht mal der Wirt vom „Langholz“, wo sich die Fernsehleute einquartiert haben für die WM-Wochen, wo aber auch zu normalen Bundesligazeiten das aktuelle „Kicker-Sportmagazin“ zur Standardeinrichtung des Landhotels gehört.

Auch Dirk Osbahr ist noch nicht informiert. Obwohl der parteilose Gemeindechef der eigentliche Erfinder dieses kleinen WM-Festivals an der Ostsee ist. Gleich nach seiner Wahl im vergangenen Mai hat Osbahr seinen Strandabschnitt ins Gespräch gebracht bei ARD und ZDF und dabei an Oliver Kahn und Katrin Müller-Hohenstein gedacht.

Die beiden hatten im Jahr 2012 die EM vom Ostseestrand in Usedom aus moderiert, waren dabei allerdings einigermaßen baden gegangen. Osbahr biss mit seinem brasilianischen Traum also erst einmal auf öffentlich-rechtliches Granit. Kein Bock auf Ostsee, kein Bock auf Brasilien, kein Bock auf Schönberg. Null Feedback für Osbahr.

Diese einigermaßen aussichtslose Lage änderte sich, wie in Internetzeiten üblich, mit einem kleinen Filmchen. WM-Sponsor Coca Cola stellte den „Brasiliencheck“ ins Netz, ein Video, in dem der Komiker Olli Schulz („Circus HalliGalli“) Osbahrs Brasilien besucht. Vom Fischhändler über den kleinen Bäckerladen bis zum örtlichen Fanfarenzug wird darin so ziemlich alles vorgeführt, was Schönberg zu bieten hat. Nur der Museumsbahnhof, von dem Osbahr hofft, dass er im kommenden Jahr wieder ein richtiger Bahnhof wird, bleibt außen vor. Das Filmchen hat es mittlerweile allein bei Youtube auf mehr als 1,3 Millionen Aufrufe gebracht.

Dirk Osbahr kann sich also über mangelndes Feedback nicht mehr beklagen. Auch nicht bei den klassischen Medien. Nicht nur das „Morgenmagazin“ hat inzwischen das Mini-Brasilien an der Ostsee entdeckt, auch die örtlichen Zeitungen berichten groß; der NDR war da und selbst die „Zeit“ schickte ihre Onlineabteilung. Nur das Wetter spielt im holsteinischen Sommer noch nicht ganz so sicher mit wie im brasilianischen Winter. Dirk Osbahr muss sich jedenfalls gerade mächtig gegen den Wind stemmen, um nicht weggepustet zu werden mitsamt seinem mobilen Brasilien-Ortsschild.