Juan Carlos

Das Ende einer Ära

Spaniens König Juan Carlos dankt überraschend ab. Nachfolger wird Sohn Felipe. Affären überschatten die letzten Jahre des Königshauses

10.32 Uhr trat Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy im Regierungssitz Moncloa vor die Mikrofone, um den Rücktritt des spanischen Königs Juan Carlos anzukündigen. Nur sechs Minuten dauerte die Ansprache von Juan Carlos, in der er seine Gründe für die Abdankung nach 39 Jahren im Amt erläuterte. „Seit vier Jahrzehnten bin ich an der Macht und habe die Reform, die Spanien so dringend benötigte, abgeschlossen“, so der König. „Mein Sohn Felipe hat die nötige Vorbereitung und Reife, um neuer Staatschef zu sein.“ Der 46-jährige Felipe, so der König weiter, sei besser geeignet, Spanien in eine bessere Zukunft zu führen. „Ich bin mir sicher, dass er dabei immer auf die Unterstützung von Prinzessin Letizia zählen kann.“ König Juan Carlos ist nach eigenen Worten stolz auf das, was er in seiner Amtszeit erreicht hat. Er habe sich immer dafür eingesetzt, dass sich Spanien in Freiheit entwickeln könne, sagte der Monarch am Montag in einer Radio- und TV-Ansprache.

Erstaunen und Fassungslosigkeit war die Reaktion bei den meisten Spaniern, die die Ankündigung im Radio und Fernsehen live verfolgten. In der Zarzuela, der Residenz der spanischen Königsfamilie, gibt man hingegen zu, dass Juan Carlos schon seit Jahresbeginn über diesen Schritt nachdachte. Seit seinem Geburtstag im Januar hatte der 76-Jährige mit dem Gedanken gespielt, zugunsten seines Sohnes Felipe zurückzutreten und mit ihm im Februar darüber gesprochen. Sein gesundheitlicher Zustand, der sich nach 13 Operationen in den vergangenen zehn Jahren bedenklich verschlechtert hatte, spielte hierbei eine wichtige Rolle. Die staatliche Nachrichtenagentur Efe bestätigte unter Berufung auf den Königspalast, dass Juan Carlos seinen Entschluss bereits im Januar gefasst habe.

Wer den König freilich genau beobachtete, der konnte bei seinen letzten öffentlichen Auftritten bereits bemerken, dass es ihn zusehends anstrengte, Haltung zu bewahren. Bei seinem letzten Fernsehinterview im Januar anlässlich seines Geburtstags merkte man, wie schwer es ihm fiel, deutlich zu sprechen. Er wirkte müde und zerbrechlich. Und bei der Beerdigung seines engen Freundes Adolfo Suárez, der im März starb, wirkte Juan Carlos niedergeschlagen und traurig wie nie zuvor. Seite an Seite hatten der erste demokratisch gewählte Ministerpräsident und der Monarch die Spanier aus der dunklen Ära des Franquismus in die Demokratie geführt. „Mein Schmerz ist immens, mein Dank gebührt ihm für immer“, so der König.

In Spanien überschlugen sich die Reaktionen. „Er hat als König eine Revolution gemacht, er war es, der die Spanier einte, sie in die Moderne führte und ihnen einen beispiellosen Wohlstand verschaffte“, konstatierte Politikwissenschaftler José Antonio Sentís. „Ohne ihn hätten wir es nicht geschafft, Spanien zu einem fortschrittlichen Land zu formen“, so sein Kollege Amador Gallardó. „Wir haben eine stabile Monarchie, das ist unser Glück“, sagte José Antonio Vera, Direktor der staatlichen Nachrichtenagentur Efe. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bedachte Juan Carlos mit freundlichen Worten. Sie schätze ihn sehr hoch, und zwar „persönlich wie auch seine historische Rolle beim Übergang Spaniens in die Demokratie“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert.

Das Image hat gelitten

Doch solche Lobeshymnen ändern nichts daran, dass das stets makellose Image von Spaniens Monarchie in den vergangenen beiden Jahren ordentlich gelitten hat. Alles begann mit Juan Carlos’ Elefantenjagd in Botswana vor zwei Jahren. Dabei brach er sich die Hüfte, und ganz nebenbei kam ein Verhältnis mit der deutschen Prinzessin Corinna zu Sayn-Wittgenstein, 47, ans Tageslicht. Es folgte das erste royale Pardon in 37 Jahren Regentschaft. „Ich bitte um Verzeihung, es wird nie wieder vorkommen“, sagte ein niedergeschlagener Juan Carlos. Doch selbst diese Selbstgeißelung brachte die Dinge nicht ins Lot. Die bloßgestellte Gattin Doña Sofía weigerte sich, den 50-jährigen Hochzeitstag zu feiern. Dann wurde Juan Carlos auch noch der Titel als Vorsitzender des spanischen Landesverbands des WWF aberkannt. Von dem Zeitpunkt an gingen die Spanier mehr und mehr auf Distanz zu ihrem Monarchen. Damals begann man bereits, hinter den Kulissen die Wachablösung vorzubereiten. So sprachen sich bei einer Umfrage anlässlich seines 76. Geburtstags 62 Prozent der Spanier für seinen Rücktritt aus.

Doch eine Abdankung ist in der spanischen Verfassung nicht vorgesehen und muss jetzt nachträglich beschlossen werden. Für Dienstag hat Premier Rajoy eine außerordentliche Kabinettssitzung einberufen, die Verfassungsänderung soll in wenigen Tagen abgesegnet werden. Dann wird Spanien von König Felipe VI. regiert werden.