Prostitution

Die WM der käuflichen Kinder

In Brasilien gibt es billigen Sex mit Mädchen und Jungen. Fifa schweigt über das Problem

Als Lisa* in einem dieser Nachtclubs an der Tanzfläche steht, denkt sie, sie wird es schon überstehen. Sie wird sich ansprechen lassen, zu einem Mann ins Auto steigen, sich ausziehen und wenn er anfängt, denkt sie an irgendwas Schönes. Sie beobachtet, wie wieder irgendein Mädchen, vielleicht 13 wie sie, mit einem viel älteren Mann verschwindet und wenig später alleine zurückkommt. Mit Geldscheinen in der Hand. Lisa will mehr als ein Leben im Slum. Und ihre Eltern wollen, dass die Mädchen endlich Geld verdienen, womit auch immer.

Inzwischen ist sie 23. Zwei Jahre lang stand sie nachts in Clubs oder auf der Straße, um sich anzubieten, für ein paar Reais. Sie hat es geschafft auszusteigen, aber es ist nicht vorbei. Sie sagt, sie wache nachts noch immer auf, verschwitzt, geplagt von Erinnerungen. In ihren Träumen muss sie noch mit fremden Typen schlafen, für die sie einfach junges Fleisch ist. Trotzdem sagt sie: „Ich bin sehr stolz auf mich, dass ich es bis hierhin geschafft habe. Aber da draußen sind noch viele Mädchen.“

In Strandbars blüht das Geschäft

Lisa lebt in Fortaleza, im Nordosten Brasiliens, 3,7 Millionen Einwohner. An der Strandpromenade flehen Obdachlose um Münzen, Straßenhändler bieten Trommeln und Trikots an, und in den Strandbars suchen Mädchen nach Männern, die alleine sitzen. Und in der Avenida Juscelino Kubitschek stehen Dutzende Mädchen und Jungen, die sich die Lippen lecken oder sich in den Schritt greifen, sobald sich ein Auto nähert. Menschen wie Lisa, die sich auskennen, sagen: Es werden immer mehr. Im Schatten des Sports blüht das Sexgeschäft mit Minderjährigen.

In gut zwei Wochen beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft. Schon in normalen Zeiten zieht Brasilien neben Thailand die meisten Sex-Touristen an, auch deutsche Männer. In Brasilien bekommen sie den Sex mit Kindern schon für ein paar Euro. Auch deshalb hat sich die Zahl der Kinderprostituierten in den vergangenen zehn Jahren vervierfacht. Heute sind es etwa 400.000. Die meisten bieten ihre Körper an, weil ihre Eltern sie unter Druck setzen – oder sie in die Hände mafiöser Banden geben.

Fortaleza gilt als einer der Hotspots für Kinder-Sextouristen. Wie Belo Horizonte. Wie Recife. Drei WM-Spielorte also. In Fortaleza wird die deutsche Mannschaft eines ihrer Vorrundenspiele bestreiten. Helfer und ehemalige Kinderprostituierte sagen, in den vier Wochen des Turniers könne ein Kind so viel Geld mit Sex verdienen, dass eine vierköpfige Familie ein Jahr davon leben kann. Das alles erklärt, warum Menschenrechtler alarmiert sind. Es erklärt nicht, warum Brasiliens Regierung Hilfe nur simuliert und der Welt-Fußballverband Fifa das Problem praktisch totschweigt.

Das brasilianische Abgeordnetenhaus hat in der vergangenen Woche ein neues Gesetz zur sexuellen Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen verabschiedet. Missbrauch wurde zu einem „Crime Hediondo“ erklärt, einer scheußlichen Tat, die künftig härter bestraft werden soll. Präsidentin Dilma Rousseff sagt, Kinderprostitution werde während der WM besonders bekämpft.

Waldemar Oliveira ist Rechtsanwalt, er arbeitet für das „Zentrum für die Verteidigung von Kindern und Jugendlichen“. Der Regierung glaubt er kein Wort mehr, wenn es um Kinderprostitution geht. „Wir brauchen spezialisierte Ermittler“, sagt Oliveira, „aber die Regierung sagt, dass sie dafür kein Geld hat.“ Außerdem fehlten viele Arbeitskräfte, Computer und Autos, um das Problem wenigstens einigermaßen in den Griff zu bekommen.

Auf dem Kinder-Straßenstrich in der Avenida Juscelino Kubitschek, in Fortaleza, kann man das Gefühl haben, das weiß leuchtende Dach des WM-Stadions anfassen zu können. Viele Kinder, die hier aufwachsen, werden von Brüdern, Vätern oder Onkeln geschlagen oder vergewaltigt. Tânia Gurgel, Direktorin des Sekretariats für Menschenrechte in Fortaleza und seit 25 Jahren mit dem Thema Kinderprostitution befasst, sagt, sie habe Sozialarbeiter an den wichtigen Orten der Stadt.

Die Kinder stellen sich in düsteren Gegenden zur Schau. Ihre Freier können darauf zählen, dass sie Helfer finden, die ihnen Sicherheit und Diskretion garantieren. In Fortaleza etwa läuft es oft so, dass furchtlose Taxifahrer die Freier zum Kinderstrich bringen. Ein Kind steigt ein, der Taxifahrer fährt ein paar Hundert Meter, steigt aus und erst wieder ein, wenn alles vorbei ist. Er bekommt ein paar Reais extra und setzt das Mädchen oder den Jungen irgendwo in der Stadt ab. Die Polizei wisse das alles, sagen die Sozialarbeiter.

Lisa kratzt mit ihren langen Fingernägeln nervös an ihrem Unterarm herum, wenn sie von ihren Jahren auf dem Strich erzählt. Sie sagt: „Ich habe mich gefühlt wie ein Tier. Es war ein höllisches Leben.“ Sie hat Freundinnen, die noch auf den Strich gehen. Und sie sieht sie überall, Mädchen, so alt wie sie damals. Lisa wünscht sich, dass die Fifa Geld spendet oder Projekte unterstützt. Aber sie glaubt nicht mehr daran. „Es geht ihnen nur um das Event.“

Plakate sind Geldverschwendung

Es leuchte ein, dass sein Land nicht einfach sein Armuts- und Gewaltproblem lösen könne, nur weil das vielleicht wichtigste Sportereignis der Welt in Brasilien stattfinde, sagt Bernardo Rosemeyer. Rosemeyer hat ein Hilfsprojekt gegründet, mit dem er seit 30 Jahren Kinder von Fortalezas Straßen holt und ihnen eine Ausbildung vermittelt. Er sagt: Mit den Plakaten, die die Regierung derzeit überall aufhängen lässt, werde Geld verschwendet. „Die Prostituierten können sie sowieso nicht lesen. Warum kämpft die Regierung nicht gegen die Armut?“ Rosemeyer versteht auch nicht, warum die Fifa so wenig gegen Kinderprostitution tut. Die Weltmeisterschaften sind für den Verband ein lukratives Geschäft.

Die Fifa beteuert, sehr wohl etwas gegen Kinderprostitution getan zu haben. Sie investiere insgesamt „20 Millionen US-Dollar in verschiedene Projekte als Teil der WM-Nachhaltigkeitsstrategie“, sagt ein Sprecher. Die sexuelle Ausbeutung von Kindern sei ein Thema. Wie viel Geld sie dafür ausgegeben hat, sagt die Fifa nicht. Man habe sich darauf fokussiert, „unsere Sorgen und Erwartungen an die verantwortlichen staatlichen Stellen heranzutragen“, heißt es aus der Pressestelle.

Das klingt so gar nicht nach dem Selbstbild, mit dem die Fifa gerne wirbt. Es sei „ihre Mission“, eine bessere Zukunft zu schaffen. So steht es beispielsweise auf der Fifa-Homepage. Von einer „Strategie der Verantwortung“ ist da die Rede und davon, dass man auf besondere gesellschaftliche Probleme hinweisen und Projekte umsetzen wolle.

Lisa hat die Hoffnung aufgegeben. Sie hat ein normales Leben, aber sie ist eine Ausnahme. Die Hilfsorganisation Vira Vida half ihr, einen Ausbildungsplatz zu finden. Sie arbeitet jetzt als Logistikerin.

* Name geändert

An diesem Mittwoch ab 22.25 Uhr sendet das ZDF-Auslandsjournal eine Reportage zu diesem Thema