Karaseks Woche

Alla Turca

Was den türkischen Ministerpräsidenten Erdogan mit dem Komponisten Mozart verbindet

Nicht die herablassend kaltschnäuzige Art, mit der Recep Erdogan, der türkische Ministerpräsident, auf das Grubenunglück in Soma gleichsam mit einem Achselzucken (Shit happens) reagierte, sondern noch mehr das Bild, wie sein persönlicher Berater Yusuf Yerkel auf einen trauernden Demonstranten eintrat, sorgte für Wut, Aufruhr, Fassungslosigkeit.

Dass sich der Tretwütige auch noch wegen einer Schwellung und Abschürfung am rechten Bein krankschreiben ließ, war in seinem Zynismus nicht zu überbieten. Menschen sind Stimmvieh, in die man, mucken sie auf, wie in Säcke treten kann.

Diese Wut wird Erdogan auch auf seinem Deutschland-Auftritt begleiten. Mir fiel der berühmteste Fußtritt der Kulturgeschichte ein, der auch nach Gutsherrenart wie gegen einen Leibeigenen erfolgte – allerdings vor über 230 Jahren im Feudalzeitalter.

Da wollte der 25 Jahre alte Mozart bei seinem Fürsten, dem Salzburger Fürsterzbischof Hieronymus von Colloredo, kündigen, um als freier Komponist nach Wien zu gehen und deutsche Opern für das kaiserliche Opernhaus zu schreiben. Er wurde nicht einmal zu seinem Herrn vorgelassen, sondern von dessen Oberstkämmerer Graf Arco nach mehrmaligem Antichambrieren mit einem Fußtritt („tritt im arsch“, wie Mozart an seinen Vater schreibt) aus der Residenz befördert.

Auch hier machte sich der Herr, ähnlich wie Erdogan heute, den Fuß nicht selber dreckig. Sondern ließ treten – oder, wie es in Dramenparodien heißt: „Der Stiefel war vergiftet!“

Wie es der Zufall will, schrieb Mozart daraufhin in Wien eine „türkische Oper“ nach deutschem Libretto: „Die Entführung aus dem Serail“, die mit Pauken und schallendem Beckenklang „alla turca“ türkische Musik parodiert, und zitiert und mit der Handlung den damaligen Konflikt zwischen Morgen- und Abendland, sprich Christentum und Türkei, widerspiegelt. Die Türken waren erst kürzlich von Prinz Eugen, dem Wien-Retter, geschlagen worden.

Orientalische Brutalität und Haremsmentalität werden da ausgerechnet durch einen muselmanischen Herrscher zugunsten von Toleranz und weiblicher Selbstbestimmung außer Kraft gesetzt.

Erdogans Stiefeltritt könnte sich als barbarisch vergiftet erweisen: Als Bumerang tritt er irgendwann Erdogans Regierung zurück.

Hellmuth Karasek schreibt jeden Sonntag in der Berliner Morgenpost