Mordanschlag

Schüsse im Jüdischen Museum

Drei Tote nach Attentat in Brüssel. Antisemitischer Hintergrund wird nicht ausgeschlossen

Ein Unbekannter hat am Sonnabendnachmittag kurz vor 16 Uhr im Jüdischen Museum in der Brüsseler Innenstadt drei Menschen erschossen. Eine weitere Person sei schwer verletzt worden und kam ins Krankenhaus, teilte die belgische Innenministerin Joelle Milquet mit. Die Opfer – nach ihren Worten zwei Frauen und ein Mann – müssten noch identifiziert werden. „Wir wissen bisher nicht, ob es sich um Touristen handelt oder um Angestellte des Museums.“ Brüssels Bürgermeister Yvan Mayeur beschrieb den Zustand des vierten Opfers als sehr kritisch. Ein Dutzend Personen erlitten einen Schock und mussten ärztlich behandelt werden, sagte ein Sprecher der Rettungskräfte.

Nummernschild wurde erkannt

Zunächst kursierten unterschiedliche Versionen über den Tathergang. Der Unbekannte kam nach Angaben des Rundfunksenders RTBF am Nachmittag mit einem Rucksack in das Museum, schoss um sich und flüchtete dann mit einem Auto. Augenzeugen konnten demzufolge das Nummernschild erkennen. Ein Journalist vor Ort berichtete, bereits innerhalb des Museums seien Schüsse gefallen. Nicht ein Mann, sondern zwei Männer hätten danach das Museum verlassen und dabei das Feuer auf Passanten eröffnet. Sie seien mit einem vor dem Museum geparkten Pkw geflüchtet. Auch die Zeitung „La Libre“ berichtete von zwei Personen. Der Angreifer und ein weiterer Mann seien mit einem Wagen der Marke Audi zum Museum gekommen und wieder geflüchtet.

Mehrere Medien berichteten am frühen Abend, dass ein Verdächtiger, bei dem es sich möglicherweise um den Fahrer des Fluchtfahrzeugs handele, etwa zwei Stunden nach der Tat festgenommen worden sei. Die Staatsanwaltschaft bestätigte, es gebe eine Person, die den Ort der Schießerei in ihrem Auto verlassen habe. „Wir haben sie identifiziert und festgenommen“, sagte eine Sprecherin am späten Abend. Diese habe den Status eines Zeugen – und nicht eines Verdächtigen, wie es zunächst geheißen hatte.

Die Gegend um das Museum ist bei Touristen sehr beliebt, dort liegen zahlreiche Antiquitätengeschäfte und Museen. Das Jüdische Museum hatte vor neun Jahren seine Pforten geöffnet. Es beherbergt eine bedeutende Sammlung mit Objekten der jüdischen Tradition. Auf die Frage von Journalisten, ob es sich um ein antisemitisches Attentat handele, sagte Innenministerin Milquet: „Es gibt eine starke Vermutung.“ Aber es sei Sache der Ermittler, dies festzustellen. Milquet kündigte einen verstärkten Schutz für jüdische Einrichtungen in Belgien an. „Der Mörder ist vorsätzlich in ein jüdisches Museum gegangen“, teilte Joël Rubinfeld, Präsident der Belgischen Liga gegen den Antisemitismus mit. „Das musste leider geschehen.“ Es sei zuletzt immer leichter gewesen, antisemitische Parolen zu äußern. Die Tat sei „das Ergebnis eines Klimas, das Hass verbreitet“.

Auch der Rat der Juden in Belgien gab an, es handle sich „wahrscheinlich um einen Terrorakt“. Der Präsident des Israelitischen Zentralrates Belgiens, Julien Klener, erklärte jedoch, es habe zuletzt keine Drohungen gegen das Museum gegeben. Die Polizei riegelte das Areal um das Museum im Stadtviertel Sablon ab. Außenminister Didier Reynders hielt sich nach eigenen Angaben zum Zeitpunkt der tödlichen Schüsse etwa 100 Meter entfernt in einem Lokal auf. Er sagte: „Ich habe mehrere Schüsse gehört. Ich bin zu dem Museum gelaufen und habe im Eingang zwei Menschen liegen sehen. Ich habe die Rettungsdienste und die Polizei gerufen.“ Der Szenerie war nach seinen Worten schrecklich und habe ihn schockiert.

Parallelen zu früherem Fall

Dem Sender RTBF zufolge äußerte sich Reynders vorsichtig zu den Hintergründen des Attentats. Der Vorfall erinnere allerdings an den Fall „Merah“ im März 2012. Mohamed Merah, ein Franzose algerischen Ursprungs, hatte in Toulouse und Montauban im Süden Frankreichs vier Juden ermordet, darunter drei Kinder, sowie vier Militärangehörige. Die getöteten Franzosen jüdischen Glaubens waren vor einer jüdischen Schule erschossen worden. Der Täter war wenige Tage später bei einer Schießerei mit der Polizei umgekommen. Merah war den französischen Geheimdiensten als islamistischer Fundamentalist bekannt, er soll sich als Mitglied des Terrornetzwerkes al-Qaida bezeichnet haben.

In den Brüsseler Innenstadt waren am Sonnabend viele Menschen unterwegs. Auf dem nahe gelegenen Sablon-Platz lief das Brüsseler Jazzmarathon-Festival, das nach dem Anschlag unterbrochen wurde. Die Bluttat überschattet auch die Parlaments-, Regional- und Europawahlen in Belgien an diesem Sonntag.