Jugend

„Die meisten Kinder vergessen die Zeit“

Tag für Tag werden in Berlin im Schnitt drei Kinder als vermisst gemeldet. Wie die Polizei dann arbeitet

Plötzlich verschwunden: Am Sonntag wird weltweit der „Tag der vermissten Kinder“ begangen. In Berlin werden täglich mindestens drei Kinder als vermisst gemeldet. Die meisten tauchen noch am selben Tag unversehrt wieder auf. Doch darauf darf sich die Polizei nicht verlassen. Zwölf Kinder gelten derzeit in der Hauptstadt als Langzeit-Vermisste. Von ihnen fehlt mitunter seit Jahren jede Spur. Mit Kriminalhauptkommissarin Ulrike Rohloff von der Vermisstenstelle des Landeskriminalamts sprach Ulla Reinhard.

Berliner Morgenpost:

Was tut die Polizei, wenn ein Kind vermisst wird?

Ulrike Rohloff:

Das hängt vom Einzelfall ab. Wenn ein acht Jahre alter Junge nach der Schule nicht nach Hause kommt, reagieren wir anders, als wenn er vor dem Supermarkt auf seine Mutter warten sollte und plötzlich verschwunden ist.

Was ist der Unterschied?

Dass ein Kind nach der Schule nicht nach Hause kommt, ist nicht von vornherein ungewöhnlich. Es geht dann in erster Linie darum, sich so schnell wie möglich über die Gewohnheiten des Kindes und sein soziales Umfeld zu informieren. Wir sprechen mit den Eltern, Lehrern und Klassenkameraden. Wir fragen, ob der Junge vielleicht schon öfter nicht nach Hause gekommen ist und ob es Streit gab. Natürlich haben wir immer im Hinterkopf, dass dem Jungen etwas passiert sein könnte.

Sie fangen also nicht sofort an, nach dem Kind zu suchen?

Doch, nur muss die Suche nicht von Anfang an darin bestehen, die Gegend zu durchkämmen. Im Fall des vorm Supermarkt verschwundenen Kindes wäre das allerdings anders. Sollte es keine Anzeichen dafür geben, dass der Junge zu einer Kontaktperson gegangen sein könnte, die beispielsweise in der Nähe wohnt, würden wir sofort vor Ort nach ihm suchen.

Wie sieht eine solche Suche aus?

Wir versuchen zunächst, die Gegend einzugrenzen, in der sich der Junge aufhalten könnte. Besitzt er ein Handy, können wir den Aufenthaltsort gegebenenfalls orten und in bestimmten Straßenzügen suchen. Wir lassen das Kind per Lautsprecherwagen ausrufen und setzen Fährtenhunde ein. Gibt es Hinweise, dass es mit der U-Bahn unterwegs sein könnte, nutzen wir mit Einverständnis der Erziehungsberechtigten das Berliner Fenster und veröffentlichen ein Foto und einen kleinen Text.

Mit wie vielen Beamten suchen Sie nach einem Kind?

Das ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Wir können von einem Moment auf den anderen hochfahren, das heißt, wir bekommen immer alle erforderlichen Kräfte zur Verfügung gestellt. Das können schon mal ein paar hundert Beamte sein.

Wird nach einem Kind immer intensiver gesucht als nach einem Erwachsenen?

Wenn es Anzeichen dafür gibt, dass die vermisste Person einer Straftat zum Opfer gefallen ist oder aus sonstigen Gründen hilflos ist, wird nach allen Menschen intensiv gesucht. In den allermeisten Vermisstenfällen liegen jedoch weder Straftaten noch sonstige Unglücksfälle vor. Bei einem Erwachsenen gehen wir eher davon aus, dass er weiß, was er tut, und auf sich aufpasst. Ein Erwachsener darf sich ja auch grundsätzlich aufhalten, wo er will. Bei einem Kind ist das anders, da entscheiden in der Regel die Eltern über den Aufenthaltsort. Wenn ein Kind verschwindet, besteht immer die Sorge, dass es in eine gefährliche Situation geraten könnte, in der es sich nicht selbstständig zu helfen weiß.

Was sind typische gefährliche Situationen?

Wenn zum Beispiel Wasser in der Nähe ist, sind wir besonders achtsam. Im Winter kann es leicht passieren, dass ein Kind einen vermeintlich zugefrorenen See betritt und einbricht. Im Sommer können Kinder beim Baden ertrinken. Verschwindet ein Kind von einem Spielplatz, in dessen Umgebung ein Sexualstraftäter regelmäßig Kontakt zu Kindern sucht, würden wir natürlich auch von einer besonderen Gefahr ausgehen.

Wie lange muss ein Kind verschwunden sein, bis Sie vom Schlimmsten ausgehen?

Natürlich wird die Sorge größer, je länger ein Kind vermisst wird. Aber die Zeit ist auch nur eines von vielen Kriterien. Meistens kehren die Kinder innerhalb eines Tages wohlbehalten zurück. Sie waren mit Freunden zusammen, haben die Zeit vergessen und sich nichts dabei gedacht. Oft haben sie schlicht auch keine Lust, nach Hause zu gehen. Manche Kinder hauen immer wieder ab.